Demenz darf kein Tabuthema mehr sein!

Rudi Assauer hat Demenz. Doch woher kenne ich, ein bekennender Fußballverweigerer und Antikicker, überhaupt diesen Namen? Ich kenne ihn, weil der selbstbewusste Charismatiker und Zigarrenraucher Rudi Assauer die Größe und den Mut bewiesen hat, mit seiner Demenz an die Öffentlichkeit zu gehen. Dieser bewundernswerte und willensstarke Mann steht zu seiner Demenz und hat mit seinem publikumswirksamen Vorbild enorm dazu beigetragen, das Tabuthema Demenz ins Land und dort in die Köpfe zu tragen. S04-Fans und auch alle anderen Fußballverrückten mögen es mir nachsehen, dass ich diese grandiose und tapfere persönliche Leistung von Rudi Assauer unendlich viel höher einschätze als jedes noch so spektakuläre Tor. Und ich will das auch gerne begründen.

Demenz betrifft Millionen von Menschen

Demenz geht uns alle an

Demenz geht uns alle an

Derzeit leben in Deutschland etwa 1,7 Millionen Menschen mit der Diagnose Demenz. Die Dunkelziffer könnte diese Zahl noch erheblich erhöhen. Und jedes Jahr kommen geschätzte 100.000 neue Fälle von Demenz dazu. Es handelt sich hier also nicht um eine seltene Störung, sondern um eine weit verbreitete und ständig stark zunehmende schwere und unheilbare Erkrankung. Die von Demenz betroffenen Menschen werden früher oder später zu Pflegefällen. Will heißen: Zu Personen, die auf ständige und umfassende Hilfe, Betreuung und Unterstützung in stetig wachsendem Umfang angewiesen sind. Doch nicht nur die schiere Menge von Demenzpatienten lässt Besorgnis aufkommen. Tatsächlich ist es das Unwissen über und das Unverständnis von dieser Krankheit, was massive Probleme mit sich bringt. Sowohl in Pflegeeinrichtungen als auch im Rahmen der häuslichen Pflege durch Angehörige. Denn anders als ein hirngesunder Patient, der lediglich einen Beinbruch vom letzten Skivergnügen auskurieren muss, kann sich ein Mensch mit Demenz seiner Umwelt nicht mehr ohne weiteres verständlich machen. Wenn dann die professionellen oder die privaten Pfleger die Demenz als Krankheit nicht verstehen und begreifen, dann erwartet den Demenzkranken ein schlimmes Schicksal. Ganz egal, wie gut es seine aufopferungswilligen, aber leider unwissenden Mitmenschen auch grundsätzlich mit ihm meinen mögen.

Demenz muss man verstehen lernen, um helfen zu können

Demenzpatienten leben in ihrer ganz eigenen emotionalen Welt und müssen mit einem irreparabel geschädigten Gehirn klarkommen, dessen Funktion mehr und mehr abnimmt. Nur ein genau beobachtender und ausgesprochen empathischer Fachmann kann mit viel detektivischem Spürsinn erahnen, was ein Mensch mit Demenz zum Ausdruck bringen will und was er braucht. Um diese verstehende Fähigkeit zu erwerben, erfordert es jede Menge Erfahrung und noch mehr Beratung und Aufklärung durch geschulte Fachleute. Guter Wille und ein freundliches Wesen reichen leider absolut nicht aus, um einen Demenzkranken angemessen betreuen zu können. Doch weil Demenz immer noch als ein Tabuthema behandelt wird, weil die Betroffenen als „Irre“, als „Verrückte“ oder als „Bekloppte“ stigmatisiert werden, besteht hier wenig Nachfrage nach einer praxisorientierten Schulung für professionelle oder private Betreuer. Lieber mal höchst verschämt totschweigen, dass man selbst (Gott bewahre!), der eigene Partner oder die eigenen Eltern unweigerlich in den eigenen mentalen Sonnenuntergang gehen müssen. Und so kommt es, dass sich die Symptome der Demenzpatienten stark verschlimmern, obwohl es nach außen so scheinen mag, dass alles für diese „Durchgeknallten“ und „schwierigen Nullchecker“ getan wird. So sorgt die ebenso ungerechte wie auch völlig unangebrachte Tabuisierung dafür, dass Demenzpatienten nur durch Unwissenheit und Unverständnis grausam leiden müssen. Von absichtlicher Gewalt in der Pflege durch gestresste, frustrierte und ungeeignete „Betreuungskräfte“ ganz zu schweigen.

Demenz enttabuisieren

Unser Gehirn ist ein Körperteil wie jeder andere auch. Schämt sich ein Patient für seinen Schnupfen oder für seine Rückenschmerzen? Nein, tut er nicht, warum sollte er auch? Wenn man krank ist, dann ist man eben krank. Und manch einer prahlt sogar im Wartezimmer mit seinen diversen Malessen. Doch wie reagiert man, wenn das Oberstübchen einen Knacks hat? Peinlich, peinlich. Einen Hirnschaden will man genauso wenig haben (oder gar öffentlich zugeben) wie Hämorrhoiden oder Genitalherpes. Dabei handelt es sich hier wie dort schlicht und ergreifend um Erkrankungen, mit denen man zum Arzt geht, um Hilfe und Heilung zu erhalten. Wenn das endlich in den Köpfen der Menschen ankommen könnte, wäre viel Leid zu verhindern, bevor es entsteht. Was mich wieder zu Rudi Assauer führt. Dieser wahrscheinlich prominenteste Demenzpatient von allen hat sich nicht gesenkten Hauptes und peinlich berührt versteckt. Er ist offensiv an die Öffentlichkeit gegangen und hat seine Demenz zum Thema gemacht. Gäbe es mehr solche tollen Menschen wie ihn, könnte das bitter nötige Verständnis für Menschen mit Demenz schon sehr viel weiter sein.

– Carina Collany –

Beitragsbild: Daniel Deppe

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