Subjektives Zeiterleben als mentale Chance

Subjektives Zeiterleben

Subjektives Zeiterleben

Subjektives Zeiterleben ist reine Kopfsache. Denn subjektives Zeiterleben umschreibt die Tatsache, dass uns beispielsweise 15 Minuten beim Anschauen eines spannenden Films wesentlich schneller zu vergehen scheinen als 15 Minuten in der telefonischen Warteschleife einer Servicewüste. Wie es dazu kommt, dass objektiv messbare Zeiträume in den individuellen Köpfen so gar keine Normgrößen zu sein scheinen, ist schon seit langen ein fachübergreifender wissenschaftlicher Forschungsgegenstand. Hier möchte ich allerdings kein langweiliges Referat über den Stand der Literatur halten, sondern konkret beschreiben, wie ich persönlich das Phänomen „subjektives Zeiterleben“ für mich nutze. Und wer weiß? Vielleicht funktioniert das, was mir im Alltag hilft, ja auch bei Ihnen.

Subjektives Zeiterleben: Eine Stunde ist eine Stunde ist eine Stunde

Unlängst war ich an mehreren Tagen in Folge in der misslichen Situation, nichts weiter tun zu können, als einer schmucklosen analogen Wanduhr in einem trostlosen Wartesaal beim gleichförmigen Abticken zuzuschauen. Oh, wie sehnte ich mich in dieser langweiligen Lage nach Abwechslung, nach Action und nach etwas Salz in der Suppe des Lebens. Und so durchforstete ich mein Hirn nach legalen Bordmitteln, die mich vor dem unwillkürlichen Abrutschen in die unfreiwillige Hibernation schützen könnten. Als ich so da saß und angestrengt vor mich hindachte, fiel mir ein und auf, dass in meiner zur völligen Untätigkeit verdammten Situation die Zeit objektiv auch nicht langsamer verging, als wenn ich mir gerade an einer Strandbar bei Sonnenuntergang in anregender Gesellschaft einen sündhaft leckeren Cocktail munden lassen würde. Diesen Gedanken griff ich auf und hielt ihn fest, um ein wenig damit zu spielen. Auf der Wandtafel meines Geistes fertigte ich eine Liste mit verschiedensten Aktivitäten an und brachte diese dann bezüglich ihrer subjektiv gefühlten Vergänglichkeitsgeschwindigkeit in eine Rangreihe. Diese von außen nicht sichtbare Beschäftigung machte mir so viel Spaß, dass auch „da draußen“ die Zeit auf einmal deutlich schneller zu vergehen schien. Jedenfalls guckte ich nicht mehr alle zwei Minuten auf die Uhr, sondern nur noch im Viertelstundentakt. Ein großer Fortschritt für jemanden, der auf Godot warten muss.

Nun könnte man einwenden, dass ich mir mit diesen Gedankenspielen lediglich die Zeit vertrieben habe, was ja so erst einmal keine besonders außergewöhnliche Strategie wäre. Das mag teilweise auch stimmen. Doch die Transferleistung von einer gefühlt langweiligen zu einer gefühlt kurzweiligen Situation, ohne dass sich die objektive Lage geändert hätte, die ist doch eher eine kreative Neuschöpfung. Denn am Ende habe ich mir nicht nur einfach ein paar tröstliche Werbespots im Kopfkino angeguckt, sondern ich habe es geschafft, zwischen den Zeiterlebniszuständen als solchen willentlich hin und her zu wechseln. Will sagen: Ich konnte schließlich das absichtsvoll hervorgerufene Gefühl, die Zeit nur so dahinfliegen zu sehen, auf die langatmige Situation übertragen und damit mein subjektives Zeiterleben direkt positiv beeinflussen. So ging die Zeit für mich auf einmal viel schneller rum, obwohl sich an der trostlosen Wartesaalsituation objektiv nichts geändert hatte.

Natürlich zählt „warten müssen“ auch heute definitiv nicht zu meinen Kernkompetenzen. Doch ich weiß es mir immerhin etwas erträglicher zu machen, wenn es nunmal nicht zu umgehen ist. Und nur darauf kommt es letztlich an, wie ich meine.

– Carina Collany –

 

Foto: Daniel Deppe

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