Welches Geheimnis haben Sie?

Jede Frau hat ihr kleines Geheimnis. Jeder Mann auch, wenn Sie meine Meinung wissen wollen. Doch fragt man ganz allgemein in die lustige Runde, so hört man erstaunlich oft solche freimütigen Aussagen wie

  • Welches Geheimnis wurde hier gelüftet?

    Welches Geheimnis wurde hier gelüftet?

    Sollen die Geheimdienste meine Emails doch mitlesen, ich habe kein Geheimnis zu verbergen.

  • Gardinen brauche ich keine, in meinem Wohnzimmer gibt es kein Geheimnis zu entdecken.
  • Die Amis dürfen meine Telefongespräche gerne mithören, ein Geheimnis erfahren sie dabei ganz sicher nicht.

Das klingt nach einem durch und durch offenen und ehrlichen Umgang sowohl mit sich selbst als auch mit den Menschen, mit denen man zu tun hat. Allerdings trügt dieser Schein ganz offensichtlich. Denn wenn es wirklich ans Eingemachte geht, wird auch der mitteilsamste Zeitgenosse urplötzlich bemerkenswert einsilbig. Woran kann es also liegen, dass der menschliche bzw. gesellschaftliche Umgang mit dem Geheimnis so widerwärtig verlogen daherkommt? Und was kann jeder für sich selbst dagegen tun, eine entsprechende Handlungsmotivation vorausgesetzt?

Das Geheimnis und seine Natur

Wenn alle nur denkbaren Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Ansichten, derer Menschen fähig sind, restlos akzeptiert und von nichts und niemand irgendwie bewertet würden, dann gäbe es das Geheimnis als ein solches überhaupt nicht. Denn wenn jeder alles sein und alles tun kann, ohne sich deswegen schlecht oder schmutzig fühlen zu müssen, dann gibt es auch keinerlei Grund, irgendetwas vor irgendjemand zu verbergen. Leider ist die ach so tolerante (gut)menschliche Gesellschaft nicht in dieser Form strukturiert. Gänzlich unabhängig von kulturellen Spezialitäten kennt doch jede soziale Gemeinschaft ihren ganz eigenen Katalog von Dingen, die wahlweise gewünscht, gefordert und positiv honoriert sind, oder aber höchst unerwünscht abgelehnt und negativ sanktioniert werden. So ist letzten Endes die Moral- und Normvorstellung der Gesellschaft, in der man lebt, dafür verantwortlich, was man für sich als Individuum lieber als geschütztes Geheimnis gut verborgen hält.

Was kann ein gelüftetes Geheimnis verursachen?

Werfen wir mal wieder einen Blick auf die Grundbedürfnisse des Menschen. Der Mensch will und braucht Sicherheit, Schutz, die behütende Geborgenheit seiner wohlgesonnenen Gruppe und was kuscheliges fürs Bettchen. All diese grundlegenden Bedürfnisse sind massiv gefährdet, wenn ein negativ besetztes Geheimnis offenbart wird, das in der Gruppe offene Ablehnung erzeugt. So müsste beispielsweise ein namentlich bekannter Triebtäter mit Folgendem rechnen:

  • Offen oder verdeckt vom wütenden Mob körperlich angegriffen zu werden (=> Verlust von Sicherheit)
  • Ohne Hilfe dazustehen, wenn der Volkszorn an die Tür pocht (=> Verlust von Schutz)
  • Nirgendwo einen Job, eine Wohnung, eine anderweitige Unterstützung oder gar einen Freundeskreis erhoffen zu dürfen (=> Verlust von Gruppenzugehörigkeit)
  • Nie wieder einen Sexualpartner oder einen Lebenspartner finden zu können (=> leeres Bettchen)

Wahrhaftig keine erstrebenswerten Aussichten. Dann doch lieber das Geheimnis für sich behalten und trotz Leiche im Keller ein ansonsten sicheres, geschütztes, sozial eingebundenes und intimpartnerschaftliches (Familien)Leben führen. So wie übrigens die meisten Serienkiller, Vergewaltiger und Kinderpornographen. Gesellschaftliche Unauffälligkeit ist hier das stille Wasser, in dessen geheimnisvoller Tiefe das Grauen haust.

Na ja – ist dieses Beispiel nicht ein bisschen heftig? Ich bin schließlich kein Triebtäter!

Auch wenn Sie kein Triebtäter sind, so haben Sie doch vielleicht schon einmal kräftig und deftig gegen die aktuell gültige ethisch moralische Normgesetzgebung Ihrer Bezugsgruppe verstoßen. Und wir reden hier nicht von Kavaliersdelikten, mit denen man sich möglicher Weise nach ein paar Bierchen in fröhlicher Runde noch brüsten könnte. Würden Sie beispielsweise freimütig zugestehen, dass Sie..

  • ein aktiver Bordellbesucher, Ladendieb oder Versicherungsbetrüger sind?
  • Kinder und Tiere und Neubürger abgrundtief hassen und diesem Hass auch schon mal handfesten Ausdruck verliehen haben?
  • Ihren Partner regelmäßig hintergehen oder schlagen
  • oder Ihre Mitmenschen permanent anlügen, um sich Vorteile zu verschaffen?
  • beim Mobbing nicht nur gerne zuschauen, sondern auch gerne mitmachen?
  • Unfallflucht für einen selbstverständlichen Selbstschutz halten?
  • gefundenes Geld grundsätzlich selbst behalten?
  • beim Verkauf Ihres Gebrauchtwagens den gutgläubigen Käufer derbe beschissen haben?
  • Pornos und strammen Hardcore oder
  • triefend blutige und brutale 18er Filme lieben?
  • regelmäßig viel zu viel Alkohol trinken oder
  • illegale Drogen konsumieren oder
  • eine ansteckende Geschlechtskrankheit (ja, Pilzinfektion und Genitalherpes zählt auch) haben?
  • an Bulimie leiden?
  • sich regelmäßig auf der Suche nach dem illegalen Kick im Darknet rumtreiben?
  • gerne mal den Lack am PKW Ihres verhassten Nachbarn zerkratzen?
  • ein Freund illegaler Downloads oder eifriger Raubkopierer sind?
  • ein Messie oder
  • ein Mietnomade sind?

Ich könnte endlos so weitermachen. Aber das werde ich nicht tun, denn jetzt sind Sie dran. Ja, SIE!

Was verrät mir mein Geheimnis über mich?

Jawohl, jetzt kommt eine Psycho-Übung, die Sie in der diskreten Abgeschiedenheit einer störungsfreien Umgebung machen sollten. Und so geht es:

  1. Überlegen Sie sich, welches Geheimnis für Sie das allergeheimste ist. Welches „Lüften“ würde für Sie den größten Stress, die schlimmsten Konsequenzen und das schmerzhafteste Ungemach nach sich ziehen? Was würden Sie unter gar keinen Umständen jemals von sich preisgeben wollen, auch Ihrem engsten Vertrauten nicht? Was würden Sie eher mit ins Grab nehmen als es noch im Leben zuzugeben?
  2. Sie haben Ihr geheimstes Geheimnis identifiziert. Jetzt schreiben Sie detailliert nieder, was im schlimmsten Fall passieren würde, wenn Ihre Familie, Ihr Partner, Ihre Freunde, Ihre Arbeitskollegen, Ihre Nachbarn davon wüssten. Womit würde man Sie bestrafen, was würde man Ihnen vermutlich antun?
  3. Und nun der Knaller: Fragen Sie sich, ob all das, was Sie sich soeben ausgemalt haben, wirklich so schlimm für Sie wäre. Vielleicht wollten Sie insgeheim durchaus schon mal Abstand zu Ihrer buckligen Verwandtschaft gewinnen, Ihre Beziehung auflösen, Ihre Freundschaften auf Belastbarkeit prüfen, den Job wechseln oder umziehen? Vielleicht wäre der Paukenschlag, den Ihr gelüftetes Geheimnis donnern ließe, zugleich auch ein Befreiungsschlag für Sie selbst? Eine einmalige Chance auf einen Neuanfang ohne Verlogenheit und Versteckspiel? Eine Freude auf eine Existenz, in der Sie sich selbst nicht länger verleugnen und verbiegen müssen? Der Wegfall jeglicher Erpressbarkeit? Das Abwerfen einengender Fesseln? Der Aufbruch zu neuen Ufern? Grenzenlose Freiheit durch entwaffnende Ehrlichkeit?

Sie sehen: Es kann viel persönliches Entwicklungspotenzial im Offenlegen eines Geheimnisses stecken. Ob dies für Sie eine Überlegung wert wäre, oder ob Sie doch lieber Ihre eigenen Geheimsachen unter Verschluss halten, müssen Sie natürlich selbst entscheiden. Ich kann Ihnen dazu nur sagen, dass so manches Geheimnis nur dafür (noch) da ist, bei seiner Freisetzung in Ihrem Interesse einen spannenden Kurswechsel zu ermöglichen. Denken Sie einfach mal darüber nach und öffnen Sie sich für die Möglichkeiten. Es liegt alles bei Ihnen.

– Carina Collany –

 

Das Beitragsbild finden Sie im fotografischen Original bei (und von) Daniel Deppe. Daraus mache ich kein Geheimnis. Warum sollte ich auch?

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