Wunschlos glücklich oder wunschlos unglücklich?

Wunschlos glücklich

Wunschlos glücklich

Einen Menschen bezeichnen wir dann als wunschlos glücklich, wenn er

  • völlig zufrieden
  • und komplett mit sich im Reinen
  • ganz entspannt im hier und jetzt
  • absolut gelassen in sich ruht.

Ein herrliches und erstrebenswertes Bild, nicht wahr? Wer wäre nicht gerne immer und stets so wunschlos glücklich? Um dem Geheimnis (und damit vielleicht auch dem Erfolgsrezept) dieses durch und durch beseelten Zustandes auf den Grund zu gehen, sei die Frage gestattet, wie die beiden Terme „wunschlos“ und „glücklich“ zusammenhängen oder auch miteinander in Wechselwirkung stehen. Denn hier gibt es verschiedene und für sich genommen jeweils recht spannende Ansätze, die Sache mit dem gefühlten Glück so oder so erklären möchten. Wir werden später noch sehen, dass sich bei dieser Betrachtung durchaus ein gewisses Kausalitätsdilemma ergibt.

Ist die Abwesenheit von Wünschen als positiv oder als negativ zu bewerten? Und warum?

Hypothese 1: Glücklich sein resultiert aus erlebter Wunschlosigkeit, während die Anwesenheit von Wünschen das glücklich sein behindert

Eine im weitesten Sinne dem Buddhismus verwandte Sichtweise besagt, stark verkürzt, das Folgende:

Hat ein Mensch einen Wunsch, dann nimmt das Wünschen dieses Wunsches einen immer größer werdenden Platz in seiner Seele ein. Dieser Platz ist dann durch den Wunsch und durch das Wünschen besetzt und steht insoweit dem Glücksgefühl nicht mehr als „besiedelbarer“ Raum zur Verfügung. Insoweit kann ein Mensch umso weniger glücklich sein, je dringender er sich etwas wünscht. Geht dieser Wunsch dann aber irgendwann in Erfüllung, wird der zuvor belegte Seelenplatz schlagartig frei und kann sich sofort mit dem Gefühl des Glücks füllen. Der Mensch erlebt also unmittelbar nach der Wunscherfüllung ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Dieses resultiert aber nicht, wie der Mensch fälschlicher Weise denkt, aus der Wunscherfüllung, sondern daraus, dass das glücklich sein endlich wieder einen großen Platz im Herzen einnehmen darf.

Daraus folgt zweierlei:

  1. Wer völlig frei von Wünschen, also im wahren Sinne des Wortes wunschlos glücklich ist, kann sein Herz immer und stets randvoll mit dem Gefühl des glücklich seins an- und erfüllen. Darum haben auch echte buddhistische Mönche, die nichts besitzen und auch gar nichts besitzen wollen, immer so ein seliges Lächeln im Gesicht. Sie haben keine materiellen Bedürfnisse und deshalb immer maximalen Raum für herzerfüllendes Glück
  2. Wer dauernd irgend etwas haben will, sich dauernd noch mehr wünscht und den Hals niemals, aber auch wirklich niemals voll kriegt, in dessen Herz ist keinerlei Raum mehr frei für Glück. Je drängender einer meint, noch zusätzlich viel mehr zu dem zu brauchen, was er ohnehin schon besitzt, desto weniger Platz (oder auch gar keinen Platz mehr) hat das Herz noch für Glück übrig. Das nachfolgende Video macht diesen Gedanken sehr anschaulich und instruktiv deutlich:

Was ist Glück? – Und wie du zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten wirst!

Und nun zum Kausalitätsdilemma:

» Ist man glücklich, weil man wunschlos ist? Dann wäre der Zustand des wunschlos seins eine notwendige (und vielleicht sogar hinreichende) Bedingung für das glücklich sein.

Aussagenlogisch: Aus wunschlos folgt glücklich.

Oder

» Ist man wunschlos, weil man glücklich ist? Dann wäre das glücklich sein die notwendige/hinreichende Voraussetzung für den Zustand der Wunschlosigkeit.

Aussagenlogisch: Aus glücklich folgt wunschlos.

Wer ist hier die Henne und wer ist das Ei oder müssen wir uns auch einer ganz anderen Möglichkeit öffnen?

Hypothese 2: Erlebte Wunschlosigkeit vernichtet die Möglichkeit, sich glücklich fühlen zu können

In der klinischen Psychologie und Psychiatrie kennt man den Fachbegriff „Appetenzverlust„. Dieser besagt, dass einem Menschen aufgrund seelischer Ausnahmezustände oder als Vorboten psychischer Erkrankungen sämtliche Gefühle des Erstrebens und des Begehrens abhanden kommen. Oder einfacher gesagt: Solche lustvollen Sachen wie zum Beispiel erfüllter Sex, phantastisches Essen, anregende Gesellschaft oder fröhliche Unterhaltung werden dem Menschen unter Appetenzverlust völlig und komplett gleichgültig. Diese Menschen verlieren jegliches Interesse an erotischer Intimität, jeglichen Appetit, jegliches Bedürfnis nach der Anwesenheit von Freunden und Familie und jedes Vergnügen an kurzweiliger Freizeitgestaltung. Sie werden buchstäblich komplett wunschlos und bleiben am liebsten den ganzen Tag mit der Decke über den Kopf gezogen im Bett. Wozu sollte man auch aufstehen, wenn der Tag absolut nichts anzubieten hat, was zum aufstehen motivieren würde?

Diese völlig wunschlos gewordenen Menschen sind allerdings ganz und gar nicht glücklich. Ganz im Gegenteil. Sie fühlen sich leer, hohl, schwarz, erstarrt und tot. Und sie würden am liebsten einfach nur noch sterben, gerne auch durch die eigene Hand. Doch noch nicht einmal dazu können sie sich in der Talsenke ihrer Trostlosigkeit aufraffen. Hier muss man sagen: wunschlos unglücklich.

Also, wie stimmt es jetzt mit der Ursache des Glücks? Ganz schön kompliziert, nicht wahr? Und darum vielleicht einfach mal ein guter Grund, über die eigene individuelle Bedürfnislage und die eigenen Vorstellungen vom Glück qualifiziert zu meditieren.

– Carina Collany –

 

Das durch und durch wunschlos glücklich entspannte Beitragsbild stammt von Daniel Deppe.

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