Der Stein der Erkenntnis

traumManchmal wirken unsere nächtlichen Träume so unglaublich real auf uns, dass wir am nächsten Morgen mit ernsthaften Zweifeln an unserer echten Wirklichkeit aus dem Schlaf auftauchen. Und wenn diese Zweifel auch nur wenige Sekunden dauern mögen, so beweisen sie uns doch, dass unser Traumleben uns in Gefilde abseits unseres persönlichen Universums zu entführen vermag.

Viele Schlafforscher erzählen uns, dass unsere Träume nichts weiter sind als die neuronalen Begleiterscheinungen nächtlichen Großreinemachens in unserem Gehirn. Was vom Tage übrig blieb, wird in der Nacht etikettiert und einsortiert und in das Archiv unserer Erinnerungen verräumt, während der ganze andere unnütze Psycho-Plunder auf den mentalen Misthaufen geworfen und dann im synaptischen Feuer der Träume verbrannt wird. Doch kann es wirklich so ernüchternd einfach zu erklären sein, was uns da in unserem verschlafenen Kopfkino bunt und bildgewaltig vor das innere Auge projiziert wird?

Ob wir im Schlaf lediglich Zeugen der letzten Zuckungen ausgemusterter Gedanken werden, oder ob unsere Seele den sich schnarchend regenerierenden Körper verlässt, um in fernen Welten exotische Abenteuer zu erleben – darüber streiten sich die Vertreter der Neurologie und der Spiritualität schon seit vielen Jahren, ohne dabei irgendwelche Punkt- oder K.O.-Siege verzeichnen zu können. Und so bleibt es, wenigstens ein Stück weit, immer noch dem eigenen Glauben überlassen, wie man die Existenz von Träumen erklären und wie man ihre Szenerien interpretieren will.

Einer meiner Träume führte mich unlängst in ein Wunderland von derart bizarrer Schönheit, dass ich mir durch die optische Opulenz und die Ungültigkeit sämtlicher physikalischer Grundgesetze sofort meines eigenen Traumzustandes bewusst wurde. Ich hatte also, wie es wissenschaftlich korrekt heißt, einen Klartraum am Start. Und diese außergewöhnliche Bewusstseinslage wollte ich diesmal nutzen, um einen handfesten Beweis für die Echtheit nächtlicher Astralreisen zu erbringen. Ich sah mich also in jenem transzendental psychedelisch farbwechselnden Grand Canyon um, in dem mich keine Schwerkraft an den Boden drückte, und suchte nach etwas, das ich mitnehmen könnte. Mein nie ruhender Blick fiel auf einen handlichen Trommelstein, den ich aufhob, und den ich bis auf weiteres nicht mehr loszulassen gedachte. Dann nahm der schöne Traum noch seinen beschwingt beflügelten Fortgang, bis ich merkte, dass das physische Erwachen an meiner leicht dahinschwebenden Gestalt zerrte. Also gut, dachte ich, jetzt wollen wir doch mal sehen – und umklammerte den Stein in meiner rechten Hand mit aller Kraft. Schon spürte ich, wie ich vom Boden meiner REM-Phase langsam in Richtung Wachheit hochtauchte, und wie mir das herrliche Traumszenario für immer entglitt. Doch den Stein hielt ich eisern fest. Sollte es mir diesmal gelingen?

Als ich dann die Augen aufschlug und mich in gewohnter Leiblichkeit völlig unspektakulär im Bett wiederfand, hätte ich tatsächlich schwören können, den Stein immer noch in meiner Faust zu haben. Mit dem Blick eines Lottospielers, der gerade ungläubig und mit wachsender Spannung die Ziehung seiner eigenen Zahlen im Fernsehen verfolgt, wandte ich meinen Blick zu meiner verkrampften Faust, in der ich definitiv etwas Festes spürte. Ich öffnete langsam meine Hand und sah – gar nichts. Scheinbar hatte ich meine Finger so derbe zur Faust geballt, dass ich den starken Druck meiner eigenen Fingerkuppen in der Handfläche für die Konturen des Trommelsteins gehalten hatte. Jenes Trommelsteins, der sich ganz offensichtlich zusammen mit meinem Klartraum in Wohlgefallen aufgelöst hatte.

Ich hätte es wissen müssen. Was auf dem Holodeck erzeugt wird, kann auch nur dort existieren. Man kann nichts aus dem Holodeck mit in die reale Welt nehmen. Sobald die Gestalten die Grenze überqueren, lösen sie sich auf. Leider.

Trotzdem – einen Versuch war es allemal wert. Und ich werde es wieder versuchen, sobald ich die Gelegenheit dazu erkenne. Wer weiß? Vielleicht entdecke ich eines Tages den Trick, mit dem man Träume doch echte Gestalt annehmen lassen kann.

– Milla Münchhausen –

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