Was nützen asiatische Lebensweisheiten?

Hiermit bekenne ich mich öffentlich dazu, eine starke Schwäche für asiatische Lebensweisheiten zu haben. Denn asiatische Lebensweisheiten bieten mir für jede Situation, wie gut oder wie misslich sie auch sei, einen passenden Spruch und eine Aufgabe zum Nachdenken. Allerdings bin ich auch Wissenschaftlerin genug, um mein Seelenheil nicht komplett an asiatische Lebensweisheiten zu ketten. Denn es ist auffällig, dass es zu fast jedem fernöstlichen Sinnspruch auch ein ebenso fernöstliches (oder auch nahe westliches) Gegenstück mit gegenläufiger Aussage hat. Und wenn ich es mit Tautologien (im aussagenlogischen Sinne) halten wollte, dann könnte ich ja auch gleich zu einem Psychoanalytiker oder zu einem Astrologen gehen. Die machen sich die Welt ja immer auch, wie sie ihnen gefällt. Tun das asiatische Lebensweisheiten etwa auch?

Asiatische Lebensweisheiten vs. Manager-Motivations-Mantra

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

Asiatische Lebensweisheiten

Asiatische Lebensweisheiten

So lehrt es uns der flotte Seminarleiter, wenn er erreichen will, dass wir unsere trägen faulen desillusionierten Ärsche endlich mal in Bewegung setzen, um so gut wie fast alles zu schaffen, was wir schaffen wollen oder schaffen wollen sollen müssen. Die Botschaft dabei lautet: Steh auf, sprich mit selbstbewusster lauter Stimme, tu was, wehr Dich, agiere gegen Konventionen und stell Dich absichtlich in den Gegenwind. Kämpfe für Deine Ziele! Sei ein Krieger in eigener Sache! Hört sich irgendwie maßlos anstrengend an, nicht wahr? Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass das Leben ein Rosengarten, ein Ponyhof oder auch einfach nur gerecht sei. Wer es zu was bringen will, soll und muss sich krummlegen und zum Karōshi bereit sein, dem Tod durch chronische Arbeitsüberlastung.

Uups? Der Karōshi ist doch eine japanische Erfindung. Also fernöstlich. Aus dieser Ecke kenne ich allerdings eine diametral entgegengesetzte Empfehlung:

Gehe biegsam und geschmeidig durch Dein Leben, wiege Dich wie ein Grashalm im Wind. Während der starre Baum im Sturm bricht, bleibt der gefügige Grashalm völlig unversehrt.

So lehrt es uns der weise ZEN Meister, wenn er erreichen will, dass wir unser Ego, unsere Wünsche und unsere Gier nach samsarischen Freuden loslassen, um ohne Namen und ohne Gesicht mit einer wogenden Menge zu verschmelzen. Die Botschaft dabei lautet: Wer um nichts bittet, nichts erstrebt und immer schön unauffällig mit dem Strom mitschwimmt, der wird am Ende alles bekommen, und zwar ohne jegliche Anstrengung. Diese Sichtweise gefällt mir und meinem inneren Schweinehund irgendwie besser. Doch haut das auch hin? Die einen sagen so und die anderen sagen so.

Ich für meinen Teil habe in persönlichen Feldversuchen beides schon ausprobiert. Sowohl die Variante der asiatischen Lebensweisheiten als auch die Variante der ewig hyperaktiven und hypergutgelaunten Motivationseinpeitscher. Zu einem eindeutigen Ergebnis bin ich allerdings dabei nicht gekommen. Manchen Sieg meines Lebens konnte ich nur durch Willensstärke, Disziplin und den unbedingten Willen zum Erfolg erringen, oft in recht verlustreichen Schlachten. Und ebenso oft habe ich einfach nur still am Fluss gesessen und gewartet, bis die Leiche meines Feindes vorbeigeschwommen kam. Das kann zwar auch mal etwas länger dauern, ist dafür aber einer der allerköstlichsten Erfolge.

Was also tun? Kämpfen oder meditieren? Agieren oder hoffen? Selbst was zu reißen versuchen oder auf das Schicksal, das Glück oder die Gunst des Augenblicks warten? Da habe ich den Stein der Weisen noch nicht gefunden. Aber vielleicht suche ich ja auch an der falschen Stelle. Oder meine Suche ist vergeblich, weil es diesen Stein gar nicht gibt.

Derweil bleibt meine sachlogisch durch nichts zu begründende Gunst weiter bei fernöstlichen Sinnsprüchen. Die haben einfach mehr Ästhetik und strahlen mehr Ruhe aus. Sollte das der einzige Unterschied sein und bleiben, dann sei’s drum. Ich kann es ja dann sowieso nicht ändern.

– Milla Münchhausen –

 

P.S.:
Der Fisch wurde von Daniel Deppe abgelichtet. Ein wahrhaft stromlinienförmiges Beitragsbild

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