Dr. Murkes Wort zum Sonntag

Dr. Murkes Wort zum Sonntag

Dr. Murkes Wort zum Sonntag

In Heinrich Bölls Geniestreich „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ gilt es, auf einer bereits auf Tonband aufgezeichneten Hörfunkproduktion das Wort „Gott“ durch „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ auszutauschen. Warum das am professionellen Schneidetisch der nicht näher benannten Rundfunkanstalt passieren muss, ist lange Gegenstand literarischer, philosophischer und auch politischer Debatten gewesen. Und auch heute noch ist „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ ein ausgesprochen anregendes und sehenswertes Stück engagiert kritischer Kulturgeschichte.

Hier und heute will ich mich an dem Diskurs über Bölls brilliante Satire jedoch nicht beteiligen. Im Landeanflug auf das christliche Fest der Liebe möchte ich lediglich die grundsätzliche Idee aufgreifen, Glauben und Religiosität von einem zunehmend als einengend empfundenen Gottesbild zu befreien. Viele Menschen würden gerne glauben, haben aber ein massives Störgefühl mit jener unberechenbaren Denk-Figur, die ihnen von rigiden Staatskirchenfürsten als „Gott“ vorgesetzt wird. Was liegt da also im Sinne religiöser Selbstbestimmung näher, statt eines emotional inzwischen empfindlich negativ belasteten Gottes lieber ein wertneutrales unspezifisches höheres Wesen zu verehren? Folgen wir dieser offenen spirituellen Einladung toleranten und freudigen Herzens, dann lösen sich jede Menge Missverständnisse und Kontroversen zwischen den Glaubensbekenntnissen dieser Welt in wunderbaren Wohlgefallen auf. Sobald es nämlich komplett irrelevant ist, welchen Namen wir jenem höheren Wesen geben, das wir verehren, können sich Christen, Hindus, Moslems und Juden (um nur einige wenige Religionen exemplarisch zu benennen) auf einmal ganz entspannt und in aller Freundschaft an einen Tisch setzen.

Das wäre doch mal eine wahrhaftig frohe Botschaft zu Weihnachten. Meinen Sie nicht auch?

– Carina Collany –

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Eine Antwort

  1. Carina Collany sagt:

    Manchmal überholt die Realität die Satire, was oft einen Grund zur milden Belustigung liefert. Leider kann ich jedoch über die neuesten geschlechtsneutralen Kopfgeburten einer offensichtlich unter mentaler Schutzatmosphäre verpackten Frau S. nicht lachen. Doch lesen Sie selbst:

    KRISTINA SCHRÖDER UND GOTT
    Der, die, das – wieso, weshalb, warum?

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-12/familienministerin-schroeder-gott

    Das Gott hat inzwischen übrigens persönlich per Eilantrag darum gebeten, offiziell nur noch als „Sehr verehrtes höheres Wesen“ angesprochen zu werden. Ich kann es ihm nicht verdenken.

    Kopfschüttelnde Grüße von Carina Collany, die sich heute einmal mehr einer Geschlechtsgenossin zutiefst schämen muss 🙁

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