Eine Diagnose macht noch kein Heilmittel

Kommt ein Mann zum Arzt. Nachdem der Leidende seine diversen Beschwerden geschildert hat, untersucht der Mediziner seinen Patienten mit aller Sorgfalt und Gründlichkeit. Danach verkündet er mit dem elitären Stolz eines siegreichen Wissenschaftlers:

„Ich habe die Ursache für Ihre gesundheitlichen Probleme gefunden. Sie haben ganz ohne jeden Zweifel eine uroallergohistaminoenterogastritösdermale Neuroostheoasthenonasalfibromatose, Typ 48/12.“

Der Patient, welcher natürlich von dem ganzen lateinischen Geschwurbel kein Wort verstanden hat, erwidert darauf:

„Ach so, das ist es also! Gut, das das mal geklärt ist. Und wie werden Sie mir nun helfen, Herr Doktor, jetzt, wo Sie wissen, was mir fehlt?“

Verblüffung, kombiniert mit einem leichten Anflug von Ekel, überzieht das Antlitz des weisen Weißen:

„Wieso helfen? Diese Erkrankung ist extrem selten und unheilbar. Aber wenigstens hat sie einen herrlich komplizierten Namen! Das müsste Ihnen doch eigentlich reichen.“

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Der war gar nicht lustig, nicht wahr? Das kommt daher, dass an dieser verbalen Illustration lediglich die Diagnose frei erfunden war. Die Arzt-Patient-Situation allerdings leider nicht. Denn soviel ist sicher: Einer Krankheit einen unaussprechlichen Namen zu geben, bedeutet noch lange nicht, dass diese diagnostische Erkenntnis irgendeinen konkreten Nutzen für den gebeutelten Hilfesuchenden hätte. So mag Doktor Doe zwar den Namen der (Neu)Rose gefunden haben, als er seinen Patienten auf den Kopf gestellt hat, aber der Name allein heilt keine Wunden.

Bedauerlicher Weise können viele Ärzte ihre ehrlich empfundene Entdeckerfreude ihren leidenden Patienten nur schwer vermitteln. Denn letzteren ist es in aller Regel schietegal, auf welchen Namen ihre Malessen medizinisch lateinisch getauft wurden, Hauptsache, es ist ein Kraut gegen sie gewachsen, das wirklich hilft und die Schmerzen zum Teufel jagt. Oder, wie wir Marketingmenschen sagen: Wer einen Dübel einsetzen will, braucht keine Bohrmaschine, sondern ein sauberes Loch in der Wand.

Jede medizinische – und jede heilkundlich motivierte Untersuchung und Begutachtung überhaupt – soll und darf sich nicht in einer Diagnose erschöpfen, sondern verlangt stets auch in logischer Konsequenz nach einem dazu passenden Therapieansatz. Und sollte es (noch) keine ursächliche Therapie geben, so wird man zumindest lindernde und stärkende Maßnahmen zu konkretisieren haben, die wenigstens die Selbstheilungskräfte des Betroffenen freundlich unterstützen. Die Rate schulmedizinisch unerklärlicher spontaner Remissionen (Sie dürfen das auch gerne Wunder nennen, wenn Sie wollen) ist nämlich durchaus beachtlich hoch. Und wenn Ihnen die Ärzteschaft keinerlei bewährten Therapievorschlag machen kann – warum dann nicht einfach mal in sich selbst hineinhorchen und den Körper sein Ding machen lassen? Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann immerhin noch alles gewissen.

Liebe Patientinnen und Patienten! Bitte NIE (!!!) von lateinisch verbrämtem Ärztegeblubber einlullen, mundtot oder kleinmachen lassen. Es geht um Sie, um Ihren Körper und um Ihre Gesundheit. Wenn Ihr Arzt keinen Klartext kann, dann löchern Sie ihn eben so lange, bis Sie wirklich verstanden haben, was Sache ist. Das ist Ihr gutes Recht. Und dann möge Ihnen Ihr weißer Halbgott auch bitte sehr deutlich sagen, ob und wie Ihnen geholfen werden kann. Lassen Sie sich alles haarklein erklären. Denn schließlich sind Sie es, um dessen Person und um dessen Fleisch und Blut es hier geht. Das dürfen Sie nie vergessen. Und auch nie an der Garderobe im Wartezimmer abgeben.

Liebe Ärzte! Statt mit Eurem großen Latinum vor kleinen Leuten anzugeben, solltet Ihr lieber ergebnisorientiert ansetzen und allgemeinverständlich kommunizieren. Niemand verlangt von Euch, dass Ihr einer Küchenschabe den Warp-Antrieb erklärt. Andererseits sind Eure Patienten aber oft gar nicht so auffassungsschwach, wie Ihr vielleicht meint. Die ehrliche Motivation, schnell wieder gesund und schmerzfrei leben zu können, setzt enorme Kräfte frei, auch und gerade mentale Kräfte. Das kann und muss man salutogen ausnutzen.

– Carina Collany –

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2 Antworten

  1. Malte sagt:

    Also da hab ich zum Glück einen guten Arzt. Der teilt einem Normalo wie mir das so mit das man es auch versteht. Aber egal wie man eine Diagnose mitgeteilt bekommt, bei schlimmen Dingen auf alle Fälle immer eine Zweite unabhängige Meinung einholen.

  2. Carina sagt:

    Hallo Malte,
    meinen herzlichen Glückwunsch zu so einer empfehlenswerten ärztlichen Anlaufstelle. Möge der gute Arzt niemals etwas Schlechtes mitzuteilen haben 🙂 und möge das Beispiel von einer bestens verständlichen Arzt-Patient-Interaktion auf Augenhöhe flächendeckend Schule machen!

    Den angesprochenen Trend zur „zweiten Meinung“ möchte ich noch etwas ausdehnen. Ich finde, dass man nicht nur bei schlimmen Dingen noch einen anderen Mediziner hinzuziehen sollte, sondern grundsätzlich immer dann, wenn man das intuitive Gefühl hat, dass mit der ersten Diagnose irgend etwas nicht stimmt. Denn: Auch harmlos klingende Diagnosen können fatal sein, wenn sie falsch sind, und wenn sie somit verhindern, dass ein unentdeckter gefährlicher Zustand nicht rechtzeitig behandelt wird.

    So gilt einmal mehr: Holzauge, sei wachsam! 😉

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