Mit Alfred Hitchcock wider das Wachkoma

Der Jurist, Politiker und Philosoph Michel de Montaigne hat einmal gesagt:

Ich kann mir keinen Zustand denken, der mir unerträglicher und schauerlicher wäre, als bei lebendiger und schmerzerfüllter Seele der Fähigkeit geraubt zu sein, ihr Ausdruck zu verleihen.

Dieser unerträgliche Zustand hat heute in der Medizin die Bezeichnung

Locked in Syndrom

Das besagt, dass das voll vorhandene Bewusstsein hilflos in einem defekten Körper eingeschlossen ist, der bestenfalls noch rudimentäre, meistens aber gar keine Kommunikation mehr erlaubt. Was das für einen Betroffenen bedeuten kann, wurde sehr eindrucksvoll in dem behutsam verfilmten Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ beschrieben. Besonders gruselig ist dabei die Vorstellung, dass es wirklich jeden treffen kann.

Gleiches gilt für das

Wachkoma

Ein schwerer Unfall mit einem Hirnschaden als Folge, ein zu spät erkanntes und daher geplatztes Aneurysma im Kopf, ein fataler Schlaganfall, eine komplikationsreich verlaufende Hinrhautentzündung, und schon kann ein unglücklicher Mensch zu einem Wachkoma-Patienten werden. Dann ist für Ärzte und Angehörige die Frage, was der nicht mehr äußerungsfähige Mensch wohl noch mitbekommt, ebenso quälend wie schwer zu beantworten. Wie soll man auch einen Menschen, der sich gar nicht mehr mitteilen kann, und der scheinbar auf keinen Reiz mehr reagiert, zu seiner Wahrnehmungsfähigkeit befragen?

Ein höchst sensibles Thema,

das Neurowissenschaftlern einiges an Erfindungsreichtum abverlangt. Und manchmal auch einen mutigen Schritt ins Unkonventionelle. Zum Glück wurde dieser nun gewagt, wie hier nachgelesen werden kann:

Wachkoma: Hitchcock als Bewusstseinstest?
Gehirn eines scheinbar bewusstlosen Komapatienten reagiert auf Filmhandlung

Bei der Suche nach einer Möglichkeit, die Teilhabe von Wachkomapatienten an ihrer Umwelt beweisfähig auszuloten, konnte mit Erstaunen festgestellt werden, dass die Einspielung eines spannungsgeladenen „Hitchcock“ im Hirn der Patienten zu den gleichen Erregungsmustern führen kann, die auch hirngesunde Personen zeigen. So kann mit den sichtbar gemachten Hirnstromaktivitäten beim Betrachten eines Hitchcock-Films nachgewiesen werden, ob ein Wachkomapatient im tiefsten Inneren tatsächlich so teilnahmslos ist, wie es fälschlicher Weise den äußeren Anschein haben mag. Diese extrem kreative „Diagnostik“ muss als revolutionär bezeichnet werden und wird die derzeit noch bestürzend hohe Rate an Fehldiagnosen bei Wachkomapatienten drastisch reduzieren.

So trägt der Meister der Spannung …

Alfred Hitchcock Die Vögel Trailer (The Birds) german – deutsch

… posthum zu einem brillanten Geniestreich in den angewandten Neurowissensachaften bei. Und damit hoffentlich auch zu einer besseren Versorgung und gezielteren Therapie aller Schmetterlinge, die je in Taucherglocken gefangen waren.

– Carina Collany –

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