Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle

Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle

Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle

Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle. Darum lasse ich mich auch nicht gerne fotografieren. Eigentlich lasse ich mich überhaupt nicht fotografieren. Denn jedes Foto, das von mir gemacht wird und das ich dann sehe, konfrontiert mich mit der qualvollen Erkenntnis, das mein Körper absolut nicht zu meiner Seele und zu meiner inneren Selbstwahrnehmung passt. Und diese Erkenntnis tut unglaublich weh. Denn die Frau, die da auf dem Bild zu sehen ist, hat keinerlei Ähnlichkeit mit der Frau, die ich gefühlt bin. Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle. Wie grausam es ist, von objektiven Objektiven mit der Nase mitten in diese Tatsache gestoßen zu werden, kann wahrscheinlich nur ein Transgendermensch vor der Geschlechtsangleichung wirklich und wahrhaftig nachvollziehen. Die Natur kann manchmal wirklich ausgesprochen herzlos sein. Oder auch zynisch. Wer will das schon so genau unterscheiden können?

Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle – was bringt mich auf diesen Gedanken?

Viele kleine Momente des Alltags enthüllen die leidvolle Diskrepanz zwischen meinem internen Selbstkonzept und meinem realen So-Sein. So sitze ich zum Beispiel zum Bus, denke mir nichts Böses, schaue zum Fenster hin und brauche ein paar Schrecksekunden, um zu realisieren, dass das da in der Fensterscheibe mein eigenes Spiegelbild ist. Wenn ich gut zeichnen oder malen könnte (ich bin weit davon entfernt), dann würde (m)ein künstlerisches Selbstportrait mit meinem Passbild keinerlei Übereinstimmung aufweisen. Wenn ich mich gefühlt beschreiben müsste, wäre ich eine wohl proportionierte junge Frau mit einem strahlenden Lächeln. „In Echt“ ist mein tatsächlich sichtbares Äußeres von diesem Gefühl furchtbar weit entfernt. Es gibt unendlich viele Erfahrungen, die mich denken lassen, dass ich einen bösen Traum habe, in dem mich eine böse Fee in einen absolut falschen Körper verpflanzt hat. Und weit und breit ist kein Gegenzauber in Reichweite oder auch nur in Sicht.

Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle – das meinen auch andere Menschen

Wenn ich mit jemand telefoniere (und das musste ich in meinem Berufsleben sehr oft machen), bildet sich mein akustisches Gegenüber spontan ein ganz bestimmtes Bild von mir. Witziger Weise entspricht das, was die Telefonpartner sich unter meiner Person vorstellten, ganz exakt dem, wie ich mich in meinem Inneren sehe. Meine Stimme „stimmt“ also. Kam es dann einmal zu einem persönlichen Kontakt, so klappte meinen Besuchern regelmäßig die Kinnlade runter. Den Satz „Sie habe ich mir aber ganz anders vorgestellt“ habe ich in langen Jahren hassen gelernt. Denn er trifft mitten in die Zwölf. Auch ich habe mich mir nämlich ganz anders vorgestellt. Ich sehe nicht so aus wie ich mich fühle. Und ich sehe auch nicht so aus, wie andere Menschen sich mich vorstellen. Der Höhepunkt solcher Begegnungen war, als eine nette Dame absolut konsterniert zu mir sagte: „Ihre Stimme erkenne ich wohl wieder, aber das können Sie doch gar nicht sein. Sie sehen gar nicht so aus wie Ihre Stimme.“ Ganz offensichtlich bemerken also auch andere Menschen, dass ich absolut nicht in diesen Körper gehöre.

An dieser Stelle möchte ich klar stellen, dass ich nicht an psychiatrischen Auffälligkeiten oder an anderweitigen Identitätsstörungen leide. Ich bin auch nicht dem Wahn verfallen, die schönste Frau der Welt sein zu müssen. Ganz sicher nicht. Mit gutem unauffälligem Durchschnitt wäre ich schon mehr als zufrieden. Doch eine bösartige Laune der Natur hat offensichtlich nicht gewollt, dass ich mit meinem Erscheinungsbild zufrieden sein darf. Ich bin dazu verdammt, in einem Körper zu leben, der zwar technisch gesehen prima funktioniert (DANKE dafür), dessen Anblick jedoch wenig gewinnend ist.

Jajaja, ich weiß schon, ich sollte mich selbst akzeptieren, so, wie ich bin, und sollte mich in Liebe vorbehaltlos annehmen, blablabla. Eso Schmeso. Habe ich alles schon probiert. Und was ich in meiner Verzweiflung nicht schon alles probiert habe. Leider hat alles nichts geholfen. Hat nur Geld, Zeit und Nerven gekostet und nichts gebracht. Vielleicht weiß jemand von Ihnen einen guten Rat? Ich wäre wirklich dankbar dafür. Dann könnte ich wenigstens für den bescheidenen Rest meines Lebens Frieden mit meiner eigenen Existenz schließen. Nichts wünsche ich mir mehr als das ?

– Milla Münchhausen –

Symbolbild: Daniel Deppe

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