Neulich im Supermarkt

Neulich im Supermarkt

Neulich im Supermarkt

Wenn ich kann, vermeide ich es, zu den üblichen Stoßzeiten im Lebensmitteldiscounter als Kunde vorstellig zu werden. Doch nicht immer meint es mein Terminplaner gut mit mir. Und so musste ich letztens wieder einmal unfreiwillig Geisterbahn fahren. Was ich dabei erlebte, hat mir klar vor Augen geführt, warum Thilo Sarrazins Buch so breiten Zuspruch findet. Und warum man zum knallharten Kinderhasser werden kann, bevor man in der Kassenschlange ansteht.

Mein Einkauf des Grauens begann mit dem gescheiterten Versuch, meine brav gesammelten Plastikflaschen, 8 Stück an der Zahl, dem Rücknahmeautomat zuzuführen. Denn vor mir standen zwei bunte Großfamilien, die jeweils mit ihrem Leergut den gesamten jährlichen Rohstoffbedarf sämtlicher chinesischer Fleecefabriken hätten decken können. Und damit das große Flaschenschreddern auch den Kleinen Freude macht, durfte hier der Nachwuchs Hand anlegen. Natürlich mit aller Langsamkeit und Unbeholfenheit, die kleinen Händchen zueigen ist. Da ich für die nächsten Wochen allerdings andere Pläne hatte, als sehr, sehr jungen Grobmotorikern beim zeitlupigen Ruinieren von Rücknahmeautomaten zuzuschauen, brachte ich mein eigenes Leergut seufzend zurück in mein Auto. Dann startete ich meinen zweiten Versuch, mit einem fröhlichen Lidl auf den Lippen meine Einkäufe zu erledigen. Auf meinem Weg zum Eingang wurde ich allerdings von einer eiligen Rentnerin ziemlich unsanft angerempelt. Sie hatte einen ganzen Hackenporsche voller Plastikflaschen im Schlepptau, und dessen Inhalt musste natürlich zur besten Geschäftszeit entsorgt werden. Nicht ohne Genugtuung registriere ich später im Vorbeigehen, wie die alte Zwiebel bei ihrem Versuch, sich am Automaten vorzudrängeln, von den beiden PET-Clans lautstark zusammengefaltet wurde.

Doch das Lächeln sollte nicht lange auf meinen Lippen verweilen. Denn im Verkaufsraum wurde ich permanent von einer Horde abwechselnd brüllender, plärrender oder kreischender Kinder belästigt, die zwischen den Regalen Fangen und Verstecken spielten. Wer sich dabei zuerst mit einem gellenden Heulton von 120 Dezibel auf den Boden fallen ließ, hatte offensichtlich gewonnen. Die Verlierer durften dafür zum Trost sämtliche Waren ausgiebig betatschen und begrapschen, die Sachen aus der Kühltheke ins Brotregal räumen, oder wahllos Chipstüten und Ähnliches aufreißen. Den assoziierten Erwachsenen war das niedliche Treiben der lieblichen Kindlein herzlich egal. Mir allerdings nicht. Nachdem ich mit ansehen musste, wie eines der Herzchen sich mit sabberndem Rachen ungeniert durch die Obsttheke fraß, beschloss ich, mein Heil in der Flucht zu suchen. Wer braucht schon frisches Obst und Gemüse?

Auf meinem Weg zur Kasse bemerkte ich eine magersüchtige blassblonde Hirnspenderin, die sich gerade intensiv durch die Abteilung für dekorative Kosmetik durchprobierte. Dazu muss man wissen, dass es in diesen Supermärkten keine so genannten „Tester“ gibt. Wer also seinem Immunsystem nicht vertraut, der sollte sein Make Up auf jeden Fall woanders kaufen. Oder seine Cremes. Oder sein Shampoo. Ich habe zwar keine Immunschwächen. Aber ich habe auch keine Lust, mein gutes Geld für Pflegeprodukte hinzulegen, an denen Laborantinnen bakterielle Multikulturen anlegen könnten.

Haarsträubend schwor ich mir, nie wieder einen Fuß in dieses Gruselkabinett zu setzen. Ich eilte zur Kasse und stellte ein paar Dosen und Flaschen auf das Band. Da holte mich der kindliche König des Abenteuerspielplatzes wieder ein. Mit dem ohrenbetäubenden Geplärr des Siegers bahnte er sich seinen Weg zu seiner Sippschaft, eine aufgerissene und angefressene Packung Hamburgerlabberbrötchen in den dreckigen Patschhändchen.

Menschen, ganz egal, woher sie kommen, sollten sich immer den notwendigen gegenseitigen Respekt erweisen. Und Eltern müssen ihren Kindern gesunde Grenzen aufzeigen. Solange das nicht geschieht, werden die Sarrazins dieser Welt immer Oberwasser haben. Dann soll aber bitte keiner kommen und sich mit staunend aufgerissenen Augen rhetorisch fragen, wie das passieren konnte. Denn jeder, der schon einmal beim Einkaufen sehr konkrete Mordphantasien entwickelt hat, kennt die Antwort.

– Milla Münchhausen –

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4 Antworten

  1. Sigrid sagt:

    … und ich hab schon gedacht, das geht immer nur mir so

  2. Nansy sagt:

    Ich weiß das ist keine Lösung, aber wenn man in Ruhe, mit viel Platz, und bequem einkaufen will, dann kann man das in asiatischen Supermärkten tun…

    • Daniel Deppe sagt:

      Das ist mir auch noch einen Versuch wert. Allerdings auch nur als Ausnahme, denn in nächster Nähe gibt es hier keinen asiatischen Supermarkt. Schade eigentlich…

      Es gibt hier allerdings „Problemmärkte“, die an ungünstigen Orten auf Ihre Kundschaft lauern. Und das klappt in aller Regel nicht, sodass man da mitunter wirklich seinen Privatsupermarkt hat, der nicht mal schlecht sortiert ist. Erst letzte Woche habe ich es (allerdings abends) geschafft, wirklich der einzige Kunde im Laden zu sein. Das ist Luxus, wie ich ihn mir wünsche 🙂
      Schade, dass solche Läden (verständlicherweise) recht schnell wieder schließen…

  3. Milla Münchhausen sagt:

    Hallo Nansy,

    der Tipp ist prima. Tatsächlich gönne ich mir immer mal einen entspannten Besuch in einem Asia-Markt. Da ist es nicht nur geräumig und ruhig, sondern die Auswahl an mehr oder weniger exotischen Produkten ist schier überwältigend. Da gibts den besten Jasmin-Tee, das schönste Geschirr dazu – und mit Wasabi überzogene Kürbiskerne zum Knabbern. Nenn mich pervers, aber da fahre ich voll drauf ab 😉

    Leider ist es für mich immer eine recht lange Anfahrt zu meinem LieblingsAsiaSupermarkt, so dass mir dieser Luxus nicht übermäßig oft vergönnt ist. Aber wenn es mal passiert, dann schlage ich genussvoll bevorratend zu.

    Liebe Grüße von Milla, die, wenn sie neben ihrem LieblingsAsiaSupermarkt wohnen würde, nie mehr woanders einkaufen müsste 🙂

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