Das Grundig TK 42 als Zeitmaschine

Das Grundig TK42 als Zeitmaschine

Das Grundig TK42 als Zeitmaschine

Als Gründungsmitglied der nachkriegsdeutschen Baby-Boomer-Generation hatte ich die Gnade und das Glück, dem Fortschritt der Unterhaltungselektronik live und in Farbe authentisch zeitgenössisch persönlich beiwohnen zu dürfen. Die Faszinationen, die all diese Musiktruhen, Röhrenradios und TV-Schränke auf mich als kleines Mädchen ausübten, sind auch heute noch ungebrochen in meinem Herz und in meinem Leben präsent. So ziert beispielsweise eine original Karstadt-Werbung aus meinem Geburtsjahr, selbstverständlich ehrfürchtig eingerahmt, meine Gemächer. Dort sieht man einen korrekt in Anzug und Schlips gewandeten jungen Mann vor seinem brandneuen hölzern eingehausten Fernseher knieen, während die Dame seines Herzens in einem hochgeschlossenen lachsfarbenen Kleid, an einem Cocktailtisch sitzend, gebannt die Übertragung einer prächtigen Pferderevue verfolgt. Auf dem Cocktailtisch laden eine geöffnete Packung Zigaretten und ein großräumiger Aschenbecher zu feierabendlicher Entspannung in gediegen gehobenem Ambiente ein. Und über der gesamten herrlich harmonischen gutbürgerlichen Szenerie prangt der dezent werbende Satz: „Mehr sehen, mehr hören, mehr Zeit durch technische Vollkommenheit!“

Zu den tönenden Technikhelden meiner Kindheit gehörte ein Tonbandgerät von Grundig, das sich heute als „TK 42“ nur noch in diversen Radio-Museen und nostalgisch gepflegten Privatsammlungen finden lässt. Was dort heute als empfindliches Exponat hinter Glas bitte nicht berührt werden soll, gehörte damals so selbstverständlich zu meinem Alltag wie ein rundlicher dunkelrot-beigefarbener Entsafter von Braun oder der bullige Rasierapparat von Remington, über dessen unversehrte Scherblätter mein gewissenhafter Vater mit Argusaugen wachte. Natürlich befand sich im Besitz meiner Mutter auch der allerletzte Schrei der gepflegten Hausfrau: Eine aufblasbare Trockenhaube in Signalorange, die zwar nicht so wirklich praktisch, dafür aber damals ein kultiviertes Statussymbol für die moderne Frau war. Pardon – ich bin wohl etwas abgeschweift.

Das Grundig TK42 als Zeitmaschine

Das Grundig TK42 als Zeitmaschine

Also zurück zu „meinem“ Grundig TK 42. Meine Güte, wie war das damals noch spannend, dem laufenden Radioprogramm aufzulauern, als musikalischer Glücksritter immer auf der Suche nach den beliebtesten Schlagern und den modernsten Hits. Zum korrekten Aussteuern diente eine Art magisches Schlitzauge, das zu der laufenden Aufnahme zu tanzen schien, und dabei einen gewissen Toleranzbereich weder über- noch unterschreiten durfte. Das wollte natürlich auch bei der Produktion von Hörspielen oder bei der Bandarchivierung diverser Schallplattensammlungen stets aufmerksam beachtet werden. Anfangs lag ich noch mit einem Mikrophon neben dem Radioapparat auf der Lauer, wobei es schon damals eine Kunst war, den richtigen Abstand zwischen Schallquelle und Aufnahmegerät zu halten – eine Kunst, die ich bald in Perfektion beherrschte. Dennoch war ich nicht böse drum, als irgendwann dicke graue Kabel das eine direkt mit dem anderen verbanden. So füllte ich im Laufe der Jahre mehrere Kilometer an BASF-Bändern mit meinen akustischen Zeitzeugen, wobei ich die lichtgrauen Klapp-Schuber stets sorgfältig beschriftete. Dennoch kam es, wie es kommen musste: Die nicht stehen bleibende Technik gebar eines Tages die Musikkasette, und das gute alte TK 42 fiel erst dem Vergessen und dann meterdicken Staubschichten anheim. Als nach vielen Jahren die verwaiste Wohnung meiner verstorbenen Eltern aufgelöst werden musste, haben mein TK 42 und ich uns das letzte Mal gesehen, beide schon ziemlich derbe in die Jahre gekommen. Wir sagten beide zum Abschied leise „Servus“.

Ich habe lange nicht mehr an dieses Wunderwerk der Röhrentonbandtechnologie mit seinem ewig defekten Gleichlaufdingsbums gedacht. Doch in den letzten Tagen spielte mir eine freundliche Retro-Muse wieder herrliche Bilder von erstaunlich gut erhaltenen Grundig TK 42 in die Hände, die mir dankbare Tränen der Rührung in die Augen trieben. Und als mein Blick liebevoll über die mit professioneller Präzision abgelichteten Details glitt, da war meine Kindheit plötzlich wieder ganz präsent. So durfte ich eine Zeitreise erleben, in der Commander Cliff Allister McLane meine erste große Liebe war, in der die Wäsche noch über dem bullernden Ölofen getrocknet wurde, und wo die Badewanne noch ganz selbstverständlich in die Küche integriert war. Und zwar mit einem kohlegeheizten Badewasserboiler, der gute eineinhalb Stunden brauchte, um eine Wannenfüllung heiß zu kriegen. War bei Ihnen eigentlich auch immer Samstag Familienbadetag?

Gute alte Zeit. Danke, dass Du mich mal wieder besucht hast. Darauf einen Dujardin! Und natürlich ein paar schöne alte 60er Jahre Schlager zum Mitsingen!

– Carina Collany –

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Eine Antwort

  1. 30. Dezember 2020

    […] ich Musik gebraucht und mit Musik gelebt. Schon sehr früh im Leben durfte ich mit dem gediegenen Tonbandgerät meiner Eltern geliebte Klänge erst konservieren und dann konsumieren. Auch einen Plattenspieler […]

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