Versuchskaninchen? Ja! Selbstbestimmtheit? Nein!

Ist es in Ordnung, willensäußerungsunfähige Demenzpatienten zu Versuchskaninchen zu degradieren, auch wenn die Patienten selbst absolut keine positiven Auswirkungen von ihrer „Mitwirkung“ an den Forschungsstudien zu erwarten haben? Ja, na klar ist das in Ordnung. Sogar der hochwohllöbliche Ethikrat, der ansonsten vor moralinsaurer Scheinheiligkeit kaum geradeaus gucken kann, sagt nun in aller Öffentlichkeit:

Studien an Demenzpatienten sind kein Tabubruch

Ganz große Kasse, nicht wahr? Wenn die in der Ecke liegenden und still vor sich hinsabbernden alten Säcke sonst schon zu nichts mehr taugen, dann doch wenigstens noch zu wehrlosen Versuchskaninchen für ehrgeizige Forscher. Ist das nicht wunderbar? So kann selbst ein ansonsten nutzlos und kostenintensiv gewordenes dementes Subjekt noch seinen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Leute, ich glaube, ich muss vor so viel gemeiner Geringschätzigkeit gegenüber wehrlosen Schutzbefohlenen gleich kotzen. Und ich will jetzt auch gerne erklären, warum mir so viel Bigotterie derben Brechreiz beschert.

Versuchskaninchen fragt man nicht um Zustimmung

Versuchskaninchen made in Germany

Versuchskaninchen made in Germany

Als Wissenschaftlerin mit ausgeprägtem akademischem Hintergrund habe ich für innovative Forschung durchaus eine ganze Menge übrig. Ohne Forschung gäbe es auf dem Gebiet der Medizin keinen Fortschritt, das weiß ich auch. Was ich allerdings weder vertreten noch billigen kann oder will, ist ein Procedere, welches hilflose und wehrlose Menschen (oder auch Tiere) en gros zu fremdbestimmten Versuchskaninchen degradiert. Wenn jemand bei klarem Verstand seine ausdrückliche Einwilligung dazu gibt, sich der forschenden Wissenschaft auszuliefern, dann ist das ehrenwert und löblich (und bei einigen Pharmastudien sogar ausgesprochen einträglich). Doch wenn ein Lebewesen, dass seinen Willen nicht (mehr) kundgeben kann, ganz einfach per Akklamation zum Labormaterial ad usum librium degradiert wird, dann ist das einfach nur noch verachtenswert und widerwärtig. Denn hierzulande, wo man sich ganz offensichtlich über den nicht äußerungsfähigen Willen eines hilflosen Demenzpatienten nonchalant hinwegsetzen kann, wird es gleichzeitig todkranken und schwerst leidenden Menschen verboten, ihrem qualvollen Leben unter würdigen Umständen ein schmerzfreies und sanftes Ende setzen zu lassen. Wer nicht mehr für sich selbst sprechen kann, ist designiertes Freiwild. Und wer es noch kann, wird in die Illegalität getrieben. Ekelhafter und sittenwidriger geht es ja nun wirklich nicht!

Versuchskaninchen

kann hier in Deutschland sofort jeder werden, wenn er nur weit genug jenseits von Gut und Böse ohne eigene Stimme vor sich hinvegetiert. Will jedoch ein von seiner unheilbaren Krankheit gemarterter Mensch seinen würdevollen Frieden bekommen, dann muss er ins liberale und wesentlich humanere Ausland flüchten. In die Schweiz oder in die Niederlande beispielsweise. Dazu braucht es natürlich ein gewisses Organisationstalent, jede Menge Geld und einen Körper, mit dem man noch eine letzte Reise ins Ausland hinkriegen würde. Nicht jeder, der liebend gerne seinem gnadenlosen Leid ein Ende setzen möchte, ist also reich oder transportfähig genug, um eine qualitätsgesicherte Sterbehilfe erhalten zu dürfen. Natürlich kann man sich hierzulande als letzten Akt der Verzweiflung gegen lebenserhaltende Maßnahmen aussprechen. Allerdings ist der unendlich qualvolle langsame Tod unter der Folter des Verhungerns und Verdurstens und des dadurch erzwungenen seriellen Organversagens auch nicht gerade das, was sich ein Todgeweihter für seine letzten Erdentage wünschen möchte.

Mein Fazit:
Ein Ethikrat, der im selben Atemzug menschliche Versuchskaninchen zum Abschuss frei gibt und ein selbstbestimmtes Recht auf aktive Sterbehilfe rigoros ablehnt, muss sich fragen lassen, welche zutiefst zweifelhaften Begriffe von Ethik, Moral und Anstand er seinem gewissenlos doppelzüngigen Handeln zugrunde legt. Meines Erachtens wird hier unter dem lobbygrünen Feigenblatt der Ethik mit zweierlei Maß gemessen, und das stets zum doppelten Nachteil aller Betroffenen. Hauptsache, alle Patienten müssen nach besten Kräften maximales Leiden erdulden.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Mir wird nämlich gerade schon wieder schrecklich übel.

– Milla Münchhausen –

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3 Antworten

  1. Wann reichts, Bürger? sagt:

    Also ich finds direkt logisch. Je mehr Ultraschwerstkranken man die aktive Sterbehilfe konsequent verwehrt, desto mehr Versuchskaninchen reifen heran. Da haben doch wirklich alle was davon, außer den betroffenen leidenden Leuten natürlich 👿

  2. Daniel Deppe sagt:

    Als Freund von Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen komme ich natürlich immer wieder mit der Thematik der nationalsozialistischen Zeit Deutschlands in Berührung. Da wird dann gern in brutaler Ausführlichkeit über die Schreckenstaten der Obersten und deren Helfer und Unterhelfer etc. berichtet. Immer mit dem Grundton, dass so etwas nicht wieder passieren darf und natürlich auch heute nicht passiert. Dennoch muss ich beim Gedanken an die Zukunft hiesiger Demenz-Patienten irgendwie an hohe braune Ärzte denken, die vielerorts ihr Unwesen getrieben haben, vielfach im Rahmen der Eugenik. Oder wie war es zu Zeiten des kalten Krieges? Da wurden auch gern mal gewisse Experimente gemacht. Allein das Sportlerdoping hüben wie drüben ist ein grausames Kapitel für sich.
    Sind wir jetzt auch schon wieder so weit? Oder weiter? Ein Schritt folgt jedenfalls dem nächsten…

  3. Herrmann sagt:

    So viel zu der hohlen Phrase, dass die Würde des Menschen unantastbar wäre…

    Vielleicht benötigt dieser ach so gerne und so vollmundig zizierte Paragraf mal ein paar zeitgemäße Zusätze. Darin wäre zu regeln, welche Menschen überhaupt Würde besitzen dürfen und welche nicht (mehr). Und unter welchen Umständen trotz allem an der ach so unantastbaren Würde kräftig rumgefingert werden dürfte.

    @Herrn Deppe
    Ich stimme Ihnen in allen Punkten voll zu und wage es sogar, in diesem Kontext das Wort „Menschenversuche“ in den Mund zu nehmen. Denn darauf läuft die kräftige Antastung aller Entwürdigten am Ende hinaus. Pfui!

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