Die Hinterlassenschaft

Die Hinterlassenschaft

Die Hinterlassenschaft

Lange hatte Maricella diesen fremdbestimmten Akt bürokratischer Erniedrigung vor sich hergeschoben, doch nun nahte erbarmungslos der endgültige Fälligkeitstermin ihrer Steuererklärung und sie musste sich wohl oder übel für diese lästige und zutiefst lustfeindliche Erbsenzählerei Zeit nehmen. Missmutig betrachtete sie ihren Schreibtisch, auf dem allerlei behördliche Formulare und ein anarchisch bunter Haufen von Quittungen und Bescheinigungen aller Größen und Farben ein bedrohlich chaotisches Durcheinander bildeten.

Auf der Suche nach irgendeiner hochwillkommenen Störung, die ihr vielleicht noch einen letzten kleinen Aufschub gewähren könnte, blickte Maricella von ihrem Stuhl aus auf ihren Balkon. Dort tummelten sich oft viele Amseln, Meisen und Spatzen, die hier meist einen reichlich gedeckten Tisch und stets eine große Schale mit frischem Wasser vorfanden, das sie, je nachdem, zum Trinken oder zum Baden verwendeten. Auch jetzt war Maricellas Vogel-Bistro gut besucht. Eine Schar von Spatzen vergnügte sich laut zwitschernd im Swimmingpool. Maricella wünschte sich mit einer Mischung aus Wehmut und Neid, ebenso unbeschwert die schlichten Freuden des Daseins genießen zu können, ohne jenem schwarzen Loch, das hierzulande Finanzamt genannt wird, über jeden sauer verdienten Euro kleinkrämerisch Rechenschaft ablegen zu müssen. Aber das war nun mal Preis dafür, dass sie in diesem Lande leben und arbeiten durfte, wenn es ihr mit den Jahren auch immer weniger einfallen wollte, warum das so erstrebenswert sein sollte. Nun – das ist wieder eine andere Geschichte.

Mit einem schicksalsergebenen Seufzer stand Maricella auf, um die Balkontür zu öffnen, damit sie in den kommenden Stunden ihrer an den Staatsapparat verschwendeten Lebenszeit wenigstens frische Luft hatte. Die erfahrenen Spatzen ließen sich von dieser Aktion nicht bei ihrem Badevergnügen stören, denn sie wussten genau, dass von Maricellas Gestalt höchstens frisches Futter, aber niemals Gefahr ausging. Nachdem die Sauerstoffzufuhr auf diese Art gewährleistet war, kochte sich Maricella noch rasch eine Kanne frischen Kaffee und ließ sich, zusätzlich mit einem Liter frischer Milch bestens gewappnet, endgültig zur Verrichtung ihrer ungeliebten Pflichten nieder.

Die Zeit verging. Langsam zog so etwas wie Ordnung im Maricellas Belegsammlung ein, und am Ende des Tunnels tauchte zögernd, aber deutlich wahrnehmbar ein Licht auf, das den erfolgreichen Abschluss der staatlich zwangsverordneten Quälerei in Aussicht stellte. Mittlerweile hatte auch der Kaffee seine Wirkung getan, und Maricella verließ den Raum, um ihrer gut gefüllten Blase die dringend erforderliche Erleichterung zu verschaffen.

Als Maricella verrichteter Dinge zurückkehrte, hatte sich ein Überraschungsgast eingefunden. Eine schöne, stolze, pechschwarze Amsel thronte auf der Rücklehne von Maricellas Stuhl und blickte interessiert um sich. Scheinbar hatte das aufgeweckte Tier die schon so lange aufstehende Balkontür und die dort unbekümmert zankenden und schimpfenden Spatzen beobachtet und einen passenden Moment abgewartet, um einmal die Welt jenseits dieser in der Federlings-Szene bekannt gastfreundlichen Plattform zu erkunden. Doch der Mut verließ die kühne Amsel rasch, als Maricella nichtsahnend ins Zimmer trat. Zwar blieb Maricella sofort mucksmäuschenstill stehen, um ihren kleinen schwarzen Gast nicht in unnötige Panik zu versetzen, aber dennoch war es mit dem Wagemut des neugierigen Eindringlings vorbei. Die Amsel flatterte von der Rückenlehne des Stuhles mitten auf Maricellas steuerrelevante Unterlagen, hob den Schwanz, setzte einen ordentlichen Angstschiss ab und flatterte schnurstracks durch die geöffnete Balkontür zurück in die Freiheit.

Maricella stand wie angewurzelt da und betrachtete fassungslos die Hinterlassenschaft ihres flüchtigen Gastes. Da hatte ihr das dreiste Federvieh doch tatsächlich mitten auf ihre Steuererklärung geschissen! Dieses Vorkommnis war wahrhaft ungeheuerlich. Und inszenierte mit entwaffnender und unverblümter Direktheit und Präzision ein oder zwei Gedanken, die Maricella heute angesichts ihrer Tagesaufgabe durchaus schon gehegt hatte. Ein breites Grinsen überzog vorwarnend ihr Gesicht, bevor die Emotion der Erheiterung sie vollends packte und ihren Körper mit ein paar kräftigen und herzhaften Lachattacken derart krümmte und durchschüttelte, dass sogar die todesmutigen Spatzen vorsichtshalber das Weite suchten.

Als Maricella sich die letzten Lachtränen getrocknet hatte, ließ sie sich, noch immer höchst belustigt, wieder vor ihrem Tagewerk nieder. Mitten auf dem tristgrünen Steuerformular prangte ein violett marmorierter Klecks, der von der Vorliebe des kecken Federtiers für die reifen Holunderbeeren zeugte, welche Mutter Natur derzeit in der Nachbarschaft reichlich im Angebot hatte. Maricella musste schmunzeln. Künstlerisch tätige Affen waren ja schon ziemlich bekannt, aber gesellschaftskritisch kunstschaffende Amseln, das war bestimmt etwas neues. Maricella überlegte lange, ob sie der Finanzbehörde dieses unmissverständliche Zeugnis einer freien Meinungsäußerung unzensiert zukommen lassen sollte und entschied sich schließlich dagegen. Zum einen würden ihre Steuerunterlagen streng nach Murphys Gesetz bestimmt bei einem absolut humorlosen Menschen landen, der sie dann vielleicht wegen Missachtung des Reinerhaltungsgesetzes von Steuererklärungen strafrechtlich belangen würde. Zum anderen war es auch möglich, dass der originell gefärbte Amselkot mit irgendwelchen Krankheitserregern verunreinigt war, und Maricella wollte ja niemanden irgendwie körperlich schädigen. Sie entschloss sich daher, ein neues, jungfräuliches Formular aus ihrem klugerweise angelegten Vorrat zu nehmen und ihre bisherigen Erkenntnisse einfach auf dieses neue Blatt zu übertragen.

So war auf den wohl geordneten Unterlagen, die sie schließlich nach ihren Bemühungen eines langen Tages postversandfertig verpacken konnte, nichts mehr von der rektalen Entäußerung der aufgeschreckten Amsel zu erahnen. Dennoch bekam Maricella das Grinsen einfach nicht mehr aus ihrem Gesicht. Passender Weise fiel ihr nun auch noch auf, wie gut es war, dass Kühe nicht fliegen können. Maricella kam nach einer unvermeidlichen neuerlichen Lachattacke zu dem Schluss, dass sie von nun an jedes Jahr viel Spaß bei ihrer Steuererklärung haben würde.

– Milla Maricella Münchhausen –

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3 Antworten

  1. Johnny sagt:

    Coole Geschichte! Jetzt weiß ich auch, warum dieses elektronische Steuerdatenübermittlungsdingsda ELSTER heißt 😛 und zur Steuererklärung kann man ab sofort zusammen mit Maricella sagen: Drauf gesch… 😆

  2. Milla Maricella Münchhausen sagt:

    Lieber Johnny, liebe Petra – Danke für Eure freundlichen Rezensionen 😉 und für Eure Anteilnahme an dem, was die Welt unserer gefiederten Freunde und ihrer Sponsoren so dreht 😛

    Es grüßt Euch die verhinderte ELSTER *hihihi* Milla 😉

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