Divers in Deutschland und die logischen Konsequenzen

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männlich, weiblich, divers (m/w/d): die Erkenntnis, dass es bei Menschen weit mehr als nur ein Geschlecht geben kann, scheint inzwischen allgemein angekommen zu sein. So weit, so gerecht. Allerdings stellt die neue Geschlechtskategorie „divers“ all jene Institutionen vor gewaltige Probleme, bei denen es bisher mit „Sehr geehrte Damen und Herren“ getan war. Der nachfolgende Beitrag will dazu einige (Nach)Denkimpulse liefern.

Braucht divers eine eigene Quote?

Über die Frauenquote und ihre absurden Auswüchse ist schon manches gesagt und geschrieben worden, vieles davon aus guten Gründen wenig schmeichelhaft. Da es aber bislang nur zwei eintragbare Geschlechter gab, schien das Gleichberechtigungsproblem noch halbwegs überschaubar. Mit der offiziellen Eintragbarkeit von „divers“ bei der Geschlechtszugehörigkeit kommt nun eine dritte Kategorie ins Spiel, die selbstverständlich auch jede Form der Gleichbehandlung gesellschaftlich einfordern darf. Und zwar auf genau den selben Gebieten, die bislang von einer Frauenquote betroffen waren. Das kann zum Beispiel bedeuten:

  • Quoten für „divers“ in sämtlichen Berufen, in denen eine eindeutige Geschlechtszuordnung nicht unmittelbar zwingend zum Berufsbild gehört und/oder
  • Quoten für „divers“ insbesondere in den pflegenden und heilenden Berufen, damit sich Menschen ohne eindeutige Geschlechtszuordnung bei Pflegern, Ärzten und Therapeuten besser verstanden und sensibler behandelt fühlen können.

Braucht divers eigene Kategorien im Sport?

Der Fall von Caster Semenya hat sehr eindringlich gezeigt, wie hilflos und gleichzeitig entwürdigend und diskriminierend die Sportwelt auf Athleten reagiert, die sich keinem eindeutigen Geschlecht zuweisen lassen. Natürlich ist es für Caster Semenya im Sport direkt körperlich von Vorteil, einen verblüffend hohen und für eine Frau geradezu astronomischen Testosteronspiegel zu haben. Und selbstverständlich trägt diese Organismusvariable zu den beeindruckenden Leistungen ihren Teil bei. Doch darf ein Gremium deshalb direkt medikamentöse Eingriffe in den Hormonhaushalt vorschreiben, damit ein Naturtalent chemisch kastriert weiter an den Start gehen darf? Muss man die Unterteilung nach Frau und Mann im Sport wirklich gnadenlos durchziehen? Wäre es nicht besser, die Sportler grundsätzlich nach ihren Testosteronwerten statt nach ihren Geschlechtsmerkmalen zu gruppieren? Das wäre eine Lösung, die allen gerecht wird, und die das höchst überflüssig gewordene Mann/Frau-Schema sinnvoll beerben würde.

Braucht divers eigene kommunikative Stilmittel?

In einer Welt, in der die Anrede „Frau“ oder „Herr“ keine weiteren Optionen neben sich duldet, tut sich „divers“ verständlicher Weise schwer. Denn wenn jemand weder Frau noch Herr ist, wie soll eine höfliche und respektvolle Anrede dann lauten? Viele ziehen den (Brief)Kopf dadurch aus der Schlinge, dass sie den Empfänger der Botschaft ohne Geschlechtszusatz einfach mit Vor- und Zunamen ansprechen. Dann würde es beispielsweise statt „Sehr geehrte Frau Collany“ einfach nur „Guten Tag Carina Collany“ heißen. Das kann man natürlich so machen, aber es klingt in unseren geschlechtsfixierten Ohren noch recht fremd und irgendwie seltsam. Und solange es keine bessere Lösung für dieses Kommunikationsproblem gibt, werden wir uns wohl an diese neue Form der Anrede zu gewöhnen haben.

Wie viel Verschiedenheit tummelt sich im bunten Becken?

Erschwerend kommt hinzu, dass divers im wahrsten Sinne des Wortes „verschieden“ bedeutet. Will heißen: hier haben wir es mit einer bunt gemischten Sammelkategorie zu tun, in der sich solche „Queerschläger“ wie z.B. Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle, Transgendermenschen, Pansexuelle, Asexuelle, BDSMler und polyamore Heteros tummeln. Wie sinnvoll kann es sein, all diese verschiedenen Variationen von Geschlechtlichkeit (oder eben auch Ungeschlechtlichleit) in einen Topf zu werfen? Oder umgekehrt: würde jede dieser Gruppen eine eigene Quote für was auch immer einfordern, dann hätte Deutschland bald so viel Sand im Getriebe, dass alle Räder stille stehen würden. Das kann es ja irgendwie auch nicht sein.

In einer Gesellschaft, die schon Neugeborene zwanghaft in babyrosa und babyblau sortiert, werden alle Diversen noch viel zu tun haben, um sich angemessen zu etablieren. Ich persönlich würde in diesem Prozess des Umbruchs eine Variante bevorzugen, die den Menschen endlich mal nicht nach seinem Geschlecht beurteilt, sondern nach wesentlich wichtigeren Persönlichkeitseigenschaften.

– Carina Collany –

Beitragsbild: Sharon McCutcheon

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4 Antworten

  1. Antje Gröschel sagt:

    Sie schreiben mir aus dem Herzen. Ich bin in Berlin aufgewachsen und lernte viele unterschiedliche Menschen kennen. Es sind Menschen. Nicht in eine Schublade gesteckt und mit Inhaltsangabe versehen. Ich finde es gelinde gesagt, schlimm, wie teilweise mit den Lieben umgegangen wird. Ich kann mich noch gut meine damalige Gemeinde erinnern. Unser Pfarrer und der Superintendent haben sich förmlich gestritten wer zuerst die Lebensgemeinschaft zweier Männer traut. Zu schön. So soll es sein. Bunt, schräg, queer und wunderschön.

    👍 Danke für den wunderbaren Eintrag liebe einmalige Carina

  1. 16. Mai 2021

    […] traditionelle Zweigeschlechtermodell beruht auf der Annahme, dass sich die Menschen restfrei in Männer und Frauen aufteilen lassen. Inzwischen erscheint uns allerdings dieses Zweigeschlechtermodell in Anbetracht […]

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