Zuckersteuer als sinnloser Offenbarungseid

Zuckersteuer

Zuckersteuer

Es wurde dieser Tage zum hunderttausendsten Male aufgedeckt, dass die Wohlstandsmenschheit immer übergewichtiger und immer zivilisationskränker wird. Und zwangsweise folgt dieser bahnbrechend barthwürdigen Erkenntnis in blindem Aktionismus der übliche Ruf nach solch populistischen Werkzeugen wie beispielsweise der Zuckersteuer. Ist doch ganz klar: Werden Süßwaren drastisch besteuert, kann der gefräßige Staat noch mehr Spielgeld einsacken, und die am klammen Geldbeutel gepackten Konsumenten werden vor lauter Geiz sofort spindeldürr und supergesund. Hört sich doch nach einer tollen Win-Win-Situation an, oder? Leider geht diese allzu simple Gleichung, gegen die jede Milchmädchenrechnung einer Promotion in Astrophysik gleich kommt, definitiv nicht auf. Denn bei den allzu reduktionistischen Termen „Zucker macht dick und krank“ und „Kein Zucker macht schlank und fit“ fehlen so viele notwendige Variablen und wissenschaftlich fundierte Stellgrößen, dass sogar die gute alte Südzucker-Susi das große Heulen kriegen würde

Zuckersteuer trifft nur selten die Richtigen

Mein Mann ist ein ranker schlanker und ärztlich attestierter kerngesunder Mensch in körperlicher Bestform. Er gehört zu jenen gesegneten Personen, deren Luxusstoffwechsel jegliche Süßwarenorgie locker lächelnd in Luft auflöst. Das kostet der überzeugte Naschkater natürlich umfänglich aus. Schokolade, Pralinen, Marzipan, Gummibärchen, Lebkuchen, Plätzchen, Sahnetorte; immer her damit und ganz genüsslich rein in die Futterluke. Es schmeckt ihm gut und er kann es sich auch erlauben. Naschen ist für ihn ein gutes Stück Lebensqualität und richtet bei ihm ganz offensichtlich keinerlei Schaden an. Darum würde ihn eine Zuckersteuer hart und vor allem auch sehr ungerecht treffen. Er müsste durch die Zuckersteuer für die Unwissenheit und Kurzsichtigkeit kopflos panisch umherflatternder Politgeier büßen.

Ich esse grundsätzlich gar keinen Zucker, weder versteckten noch offenen, weil ich Zucker nicht vertragen kann. Zusammen mit ein paar anderen Lebensmittelunverträglichkeiten zwingt mich mein Stoffwechsel also zu einer ausgewogenen, gesunden und maßvollen Ernährung. Trotzdem bin ich ein echtes Plus-Size-Model, und zwar eins von der gediegenen Doppeldeckerfraktion. Von mir aus könnten die hirnlosen Nieten in Nadelstreifen und Hosenanzügen eine Zuckersteuer einführen, deren Umfang und Ausmaß sogar den Berliner Flughafen sanieren würde. Davon würde ich gar nichts mitkriegen, weil es auf meinem Speiseplan keinen Zucker gibt. Gleichzeitig würde ich durch die Zuckersteuer kein einziges Gramm Körperfett verlieren. An mir und meinem Gewicht würde jegliche Zuckersteuer ergebnislos verpuffen.

Natürlich wird es auch Menschen geben, deren Übergewicht durch allzu sorgloses Naschen mit begünstigt wird. Doch würden die sich wirklich von einer Zuckersteuer den süßen Zahn plombieren lassen? Das darf getrost bezweifelt werden.

Zuckersteuer – wenn schon, denn schon auf alles!

Nur mal angenommen, eine Zuckersteuer würde tatsächlich eingeführt und erhoben. Dann müsste die aber gerechter Weise auch auf wirklich alle Lebensmittel draufgeschlagen werden, die einen veritablen Zuckergehalt aufweisen. Dabei denke ich an das ach so gesunde Obst, zu dessen regelmäßigem Verzehr man ja ständig mit ermahnend erhobenem Zeigefinger aufgefordert wird.

Obst ist oft nur ein anderes Wort für Zuckerbombe. Das Heulen und Zähneklappern, welches eine Zuckersteuer auf Obst großflächig nach sich ziehen würde, wäre sicherlich gigantisch. Und wenn wir schon dabei sind: Reine Fruchtsäfte könnten sich dann wahrscheinlich nur noch schrecklich reiche Familien ab und dann leisten.

Wenn Zucker wirklich eine sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingung für Übergewicht und Diabetes wäre (was nicht der Fall ist) dann müsste eine Zuckersteuer wirklich überall im Supermarkt mit dem eisernen Besen durchfegen. Alles, was Zucker enthält, müsste betroffen sein. Wirklich alles.

Zuckersteuer für die Spitze des Eisbergs

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass Zucker ungesund ist. Mein Körper hat sicherlich einen guten Grund dafür, mich vom Zuckerkonsum in jeder Form strengstens abzuhalten. Dennoch muss ich um der wissenschaftlichen Rationalität willen zu Protokoll geben, dass Zucker nur eine mögliche, aber auf keinen Fall die einzige Ursache für Fettleibigkeit und Siechtum darstellt. Gerade in der Ursachenforschung zum Thema Übergewicht explodieren die Fachmagazine derzeit vor nigelnagelneuen Befunden. So kann Übergewicht

  • die Folge eines ungünstig zusammengesetzten Mikrobioms im Darm sein,
  • genetische Ursachen haben,
  • durch hormonelle und/oder pseudohormonelle Substanzen ausgelöst werden (Stichwort: Weichmacher im Plastik),
  • durch Medikamente getriggert werden (Stichwort Antibiotika),
  • in Hirnstoffwechselstörungen begründet liegen oder
  • was der fast unendlichen Variablen mehr sind.

Wer sich mit dieser hochkomplexen Materie ernsthaft und wirklich interessiert befasst, merkt schnell, dass eine Zuckersteuer ein fast schon rührend hilfloses Eingeständnis der kompletten Ohnmacht darstellt. Denn bei jedem Betroffenen ist die wahre Ursache für Übergewicht individuell und in ihrer Struktur so einzigartig wie ein Fingerabdruck.

Die gleiche Argumentation gilt auch für Diabetes. Selbstverständlich mutet ein ständiges unreflektiertes Zuckerfuttern der Bauchspeicheldrüse und ihren Kollegen einiges zu. Doch neben der rein ernährungsbedingten Zuckerkrankheit gibt es viele Varianten, die mit Schokiorgien nichts zu tun haben. Da würde eine ungerichtete und interindividuell simplifizierende Zuckersteuer wenig bis gar nichts zur ursächlichen Prävention beitragen können.

Ist denn die Zuckersteuer zu gar nichts nütze?

Doch, da gäbe es schon einen Vorteil, den die Zuckersteuer haben könnte. Denn statt den Verbraucher mit steuerbedingten Preiserhöhungen zu vergrätzen, würden neue Rezepturen entwickelt, die ohne Zucker auskämen. Voller Geschmack ganz ohne Zucker und ohne Preiserhöhung – das läge absolut auf meiner Rille. Und nicht nur auf meiner. Denn immer mehr Menschen können oder wollen keinen Zucker auf dem Teller haben. Alle Low Carber würden Freudentänze vor den Supermarktregalen aufführen können. Endlich Fischkonserven, Frischwurst oder Nudelsoßen ohne Zucker! Was für ein neu gewonnenes Schlaraffenland wartet da auf alle überzeugten Zuckerhasser!

So würde am Ende, den Winkelzügen der freien Marktwirtschaft sei Dank, die Zuckersteuer dafür sorgen, dass am Ende ausgerechnet ich zu den lachenden Dritten gehöre. Und dagegen erhebe ich nun wirklich keine Einwände

– Carina Collany –

 

Beitragsbild: Daniel Deppe

Print Friendly, PDF & Email

Das könnte Dich auch interessieren...

1 Antwort

  1. NoSugarPlease sagt:

    Dauerstress, Schafmangel (oder auch zu viel Schlaf) und sogar permanente Feinstaubbelastungen werden derzeit ebenfalls als Ursachen von Übergewicht gehandelt. Der viel gerühmte Sport dagegen scheint sich nur unwesentlich auf die Bemühungen um einen Gewichtsverlust auszuwirken. Die Zusammenhänge im Gewichtsthema sind so astronomisch komplex, dass die Zuckersteuer wirklich nichts weiter vorstellt als ein peinliches Eingeständnis umfassender Hilflosigkeit und flächendeckenden Unwissens. Wenn es allerdings dazu führt, dass der allgegenwärtige Zucker endlich mal aus jenen Lebensmitteln rausgelasen wird, in denen er nun wirklich überhaupt gar nichts zu suchen hat, dann schließe ich mich natürlich gerne den gesundheitsbewussten Befürwortern der Zuckersteuer an 😛

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Anti-Spam durch WP-SpamShield

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Internetseiten der deppe solutions verwenden Cookies. Cookies sind Textdateien, welche über einen Internetbrowser auf einem Computersystem abgelegt und gespeichert werden. Zahlreiche Internetseiten und Server verwenden Cookies. Viele Cookies enthalten eine sogenannte Cookie-ID. Eine Cookie-ID ist eine eindeutige Kennung des Cookies. Sie besteht aus einer Zeichenfolge, durch welche Internetseiten und Server dem konkreten Internetbrowser zugeordnet werden können, in dem das Cookie gespeichert wurde. Dies ermöglicht es den besuchten Internetseiten und Servern, den individuellen Browser der betroffenen Person von anderen Internetbrowsern, die andere Cookies enthalten, zu unterscheiden. Ein bestimmter Internetbrowser kann über die eindeutige Cookie-ID wiedererkannt und identifiziert werden. Durch den Einsatz von Cookies kann die deppe solutions den Nutzern dieser Internetseite nutzerfreundlichere Services bereitstellen, die ohne die Cookie-Setzung nicht möglich wären. Mittels eines Cookies können die Informationen und Angebote auf unserer Internetseite im Sinne des Benutzers optimiert werden. Cookies ermöglichen uns, wie bereits erwähnt, die Benutzer unserer Internetseite wiederzuerkennen. Zweck dieser Wiedererkennung ist es, den Nutzern die Verwendung unserer Internetseite zu erleichtern. Der Benutzer einer Internetseite, die Cookies verwendet, muss beispielsweise nicht bei jedem Besuch der Internetseite erneut seine Zugangsdaten eingeben, weil dies von der Internetseite und dem auf dem Computersystem des Benutzers abgelegten Cookie übernommen wird. Ein weiteres Beispiel ist das Cookie eines Warenkorbes im Online-Shop. Der Online-Shop merkt sich die Artikel, die ein Kunde in den virtuellen Warenkorb gelegt hat, über ein Cookie. Die betroffene Person kann die Setzung von Cookies durch unsere Internetseite jederzeit mittels einer entsprechenden Einstellung des genutzten Internetbrowsers verhindern und damit der Setzung von Cookies dauerhaft widersprechen. Ferner können bereits gesetzte Cookies jederzeit über einen Internetbrowser oder andere Softwareprogramme gelöscht werden. Dies ist in allen gängigen Internetbrowsern möglich. Deaktiviert die betroffene Person die Setzung von Cookies in dem genutzten Internetbrowser, sind unter Umständen nicht alle Funktionen unserer Internetseite vollumfänglich nutzbar.

Schließen