Das Kreuz mit dem Bestattungsgesetz

Trauerarbeit braucht EntscheidungsfreiheitJeder, der als Hinterbliebener schon einmal einen geliebten Menschen zu Grabe tragen musste, hat am eigenen Leibe erfahren, wie der Versuch individueller Trauerarbeit durch den deutschen Amtsschimmel und seine inhumane Reglementierungswut kalt und herzlos hintertrieben wird. Da wäre beispielsweise die komplette und maßlos unsensible Entmündigung des trauernden Angehörigen hinsichtlich der Frage, wo die Asche des Verstorbenen aufbewahrt werden könnte. Viele Menschen würden die Urne gerne irgendwie in ihrem persönlichen Umfeld behalten, oder an einen Ort kostbarer Erinnerungen oder wunderbarer Erlebnisse verbringen. Doch was die Trauernden wollen oder brauchen, geht dem deutschen Bestattungsgesetz komplett am Arsch vorbei. Und so kommt es, das so manche Urne auf dem Friedhof landet, obwohl weder der Verblichene selbst noch seine Angehörigen sich diese Form der letzten Ruhestätte gewünscht hätten. Da kann es auf eine gallige und makabre Art und Weise durchaus als gerecht angesehen werden, dass die Friedhöfe sich jetzt gewissermaßen an den starrköpfigen Stallmeistern des gnadenlosen Amtsschimmels bitterlich rächen:

Friedhöfe auf dem Prüfstand

Essen. Jedes Jahr Millionenverlust. Die Suche nach Einsparungen hat bisher wenig gebracht. Schließungen wären zu teuer. Höhere Gebühren verschlechtern Konkurrenzfähigkeit

Das Betreiben der vom Bestattungsgesetz zwangsverordneten letzten Ruhestätten kostet ein immenses Geld. Die Schließung der Friedhöfe käme allerdings noch teurer. Eine groteske Posse aus einem schwarzrotgoldenen Absurdistan, die durch die obszönen Kosten einer Bestattung noch zusätzlich an Schärfe gewinnt. Würde man, statt diesen Schwachsinn zu Lasten trauernder Menschen immer weiter zu führen, endlich die Verfügungsgewalt über Urne und Asche an die Angehörigen übergeben, dann könnte sich dieses hausgemachte Problem explodierender Kosten von jetzt auf gleich in Luft auflösen. Doch dazu müsste der sture deutsche Wasserkopf erst einmal die Einsichtsfähigkeit und die Flexibilität der benachbarten Niederlande haben. Dort ist es nämlich in der landestypischen Tradition von Toleranz und Liberalität selbstverständlich erlaubt, die Urne samt Asche den Angehörigen auszuhändigen.

Natürlich gibt es Schleichpfade, auf denen sich auch deutsche Hinterbliebene in quasi illegaler Weise (und über grenzüberschreitende Umwege) vergleichbare Freiheiten des letzten Willens im Halbdunkel noch existierender Schlupflöcher erkämpfen können. Allerdings ist dies ein zutiefst beschämendes Armutszeugnis für den deutschen Paragraphendschungel, der sogar noch über den Tod hinaus das wirklich allerletzte dogmatische Wort haben will.

Hier könnten die moralisch und ethisch mehr als begründeten Interessen Betroffener die Finanznöte des Friedhofswesens auf einen Schlag beseitigen. Eine extrem einfache Lösung, von der wirklich alle Beteiligten profitieren würden. Wahrscheinlich ist es aber genau diese perfekte und simple Win-Win-Situation, die der verfilzt verklausulierten deutschen Denke nicht in den hanebüchenen Gesetzesdschungel passt.

Das ist traurig. Sehr traurig. Und schlussendlich auch abgrundtief menschenverachtend.

– Milla Münchhausen –

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4 Antworten

  1. Daniel sagt:

    Liebe Milla,
    ich persönlich bin ebenfalls Freund des Gedanken, die Asche der Hinterbliebenden mit nach Hause nehmen zu können. Wo Du gerade die Niederlande ansprichst, möchte ich ein Problem nicht unerwähnt lassen, das sich dort ausbreitet. In den Niederlanden ist es schon länger guter Brauch, Urnen mit nach Hause zu nehmen. Auch schon zu Zeiten, als Urnen hierzulande noch verpönt waren. Und hier liegt die Crux: Es sammeln sich mit der Zeit die Urnen von Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Onkel, Tanten usw. an und werden zum Platzproblem. Nun wirft der Niederländer die Urnen nicht einfach in den Müll, sondern muss anderweitig für räumliche Entlastung sorgen. Praktischerweise errichtet man auf dem eigenen Grundstück einen kleinen Friedhof. Kauft man sich heute in den Niedelanden ein Grundstück mit Häuschen, dann kann man durchaus bei der Gartenarbeit auch mal auf die eine oder andere Urne st0ßen. In Amsterdam ist die „Seebestattung“ in Mode gekommen, dort schwimmen gern mal Urnen in den Krachten herum. Es zeigt sich also, das man bei der Aufhebung der Friedhofspflicht in jedem Fall noch einen Schritt weiter denken sollte. Aber die Richtung stimmt!

  2. Marina sagt:

    … und es kommt noch dicker 😉

    „Brasilien hat mit zunehmender Fettleibigkeit zu kämpfen. Kampagnen zur Behandlung von Übergewicht kosten mehr als 220 Millionen Euro pro Jahr. Die Friedhöfe müssen reagieren und führen Gräber in Übergröße ein, sie bieten Platz für Brummer bis zu 500 Kilo.“

    Gefunden auf
    http://www.n-tv.de/panorama/Friedhof-reagiert-auf-Fettleibigkeit-im-Land-article15085361.html

  3. Zazou sagt:

    Immerhin kann man sich jetzt wohl auch zusammen mit seinem Haustier bestatten lassen:
    „Der erste Friedhof für Mensch und Tier entsteht in Essen“
    http://www.derwesten.de/nrz/staedte/essen/der-erste-friedhof-fuer-mensch-und-tier-entsteht-in-essen-id10669802.html
    Tröstliche Idee irgendwie …

  4. Capitain sagt:

    Als Urnenmacherin einer biologisch abbaubaren Bestattungsurne liegt mir dieses zentrale Thema seit 10 Jahren am Herzen.
    Was mich dazu geführt hat, ist die Tatsache, dass am Ende der Laufzeit der Urnengräber – also nachdem alle recht gut verdient haben – die noch befüllten Urnen wieder ausgegraben und irgendwo – sicher mit anderen Urnen – auf dem Friedhofsgelände entsorgt werden müssen. Das ist in meinen Augen ein unwürdiger Akt. Auch Urnen in oberirdischen Wänden und dergl. müssen ja irgendwann mal irgendwo bleiben müssen. Kein Mensch will diesen Müllberg stoppen.
    Deshalb entwickelte ich das Einurnen-Gefäss, dass die Asche freigibt, wenn die Natur dafür bereit ist. Diesem bestehenden System mit Aschenkapsel aus dem Krematorium, dem Geschäft mit der Überurne usw. stimme ich seit langem nicht mehr zu, es ist einfach unwürdig… Seit neuestem wird auch noch mit Bio-Urnen geworben, deren Vergänglichkeit überhaupt nicht prüfbar ist … Grundsätzlich plädiere ich für die Freiheit … doch wenn sich nur die Industrie, die Bestatter und die bereichern, die in dieses System haargenau hineinpassen und bloß nichts ädern wollen … dann ist mir das zu einseitig… Die Politik wäre gefordert… Doch die ist mit anderem beschäftigt. Der Tod in unserem Land ist nicht spektakulär genug, nicht reisserisch genug … sonst wäre das Thema längst mal in den öden Talkshows gelandet. Schade, dass ich mein geplantes Buch noch nicht vorlegen kann… vielleicht wäre das ja ein Anreiz mal vorgelassen zu werden und die Zuschauer aufzuklären …www.urnen-das-frei.de

    http://www.die-grosse-volksverarsche.de/wp-content/uploads/RoteKarteVerarscher.pdf

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